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endlich geht es los

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unterwegs

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Herrenabend

Herrenabend

Nastja

Nastja

Handel am Bahnsteig

Handel am Bahnsteig

hochgeklappte Platten sichern zusätzlich

hochgeklappte Platten sichern zusätzlich

Gemächlich durch die Zeitzonen - mit Speed durch die Landschaft

Russland - Südkorea - Japan - China - Mongolei

In der Transsib I

Freundliche Menschen zeigen mir das richtige Abteil und die Zugbegleiterin bringt mich an meinen Platz. Ein Ausländer, der seine Fahrkarte im Internet gebucht hatte, scheint Probleme zu haben, denn drei Schaffner kümmern sich um ihn. Später sehe ich ihn aber doch im Zug. Mein Abteilnachbar heißt Andreji, er ist bei der Bahn beschäftigt, fährt deshalb kostenlos bis Wladiwostok, spricht ein paar Brocken Englisch und ist mir beim Beziehen des Bettes behilflich. Danach geht er zum Trinken zum Nachbarn. Sein Proviant besteht u.a. aus sechs Flaschen Hennessy, denn, so erklärt er mir: „Russen müssen trinken“. Gegen sechs Uhr morgens scheint das Gelage beendet zu sein, jedenfalls kommt er zurück und legt sich hin. Unser Abteil ist recht spartanisch eingerichtet, die Wagen scheinen 40 Jahre alt zu sein und von Komfort kann nur geträumt werden. In der ersten Nacht schlafe ich nicht besonders gut, mangels eines zweiten Kissens nehme ich mein Daypack als Kopfunterlage. Vor 28 Jahren fand ich diese nüchterne Ausstattung spannend, wie sich die Zeiten doch ändern. Das Reisen mit der Transsib ist und bleibt ein Abenteuer. Ein Samowar mit heißem Wasser steht nach wie vor hinter dem Eingang zur Verfügung, eine Toilette mit Waschgelegenheit am Anfang und Ende des Wagens. Zunächst habe ich Probleme mit dem fließenden Wasser, ich kann an den Hähnen drehen so viel ich will, kein Tropfen lässt sich sehen. Schließlich zeigt mir die Zugbegleiterin, wie es funktioniert, man muss nur den Hahn hoch drücken und schon tröpfelt das edle Nass heraus. In den Bahnhofsbereichen bleibt die Toilette verschlossen, denn alles was durchs Klosett „geschickt“ wird, landet auf den Schienen – natürlich nicht biologisch oder chemisch aufbereitet.

Zum Frühstück gehe ich am nächsten Morgen in der Nähe von Galisch, wo wir einen Moment halten, in den Speisewagen. Hier bin ich, warum auch immer, einziger Gast, die Preise scheinen den russischen Passagieren nicht zu behagen, ich halte sie für relativ moderat. Schade nur, dass auch hier die Bedienung kein Englisch spricht. Dafür ist die Speisekarte aber teilweise bebildert oder mit englischer Erklärung versehen. Tip wird nicht angenommen. Andreji holt sich später zum Frühstück Wasser aus dem Samowar und bereitet sich eine Kartoffelsuppe. Tütensuppen sind bei den russischen Mitreisenden sehr beliebt, in einem der nächsten Bahnhöfe werde ich mir auch eine kaufen. Es schmeckt nicht schlecht und ist sehr nahrhaft. Ein Mann aus dem Nachbarabteil versucht ein Gespräch mit mir, aber wir kommen nicht sehr weit damit und ich ärgere mich, dass ich meinen russischen Sprachführer vergessen habe. Einmal fällt auch das Wort „Stalingrad“. Nachmittags begegnen wir uns wieder, aber er nuschelt nur noch. Wenn einer eine Reise macht ….

Auf dem Bahnhof Scharia werden Erd- und Bickbeeren von einheimischen Bauern verkauft, die oft zitierten und abgebildeten Babuschkas mit ihren Schürzen oder Kitteln habe ich selten oder gar nicht gesehen. Ein Mitreisender meint, dass dieser Handel auf den Bahnsteigen auch verboten sei. Es ist heiß und stickig, der schwachen Aircondition wird alles abverlangt. In einem Kiosk kaufe ich Kekse und Wasser. Zwei sympathische Zugbegleiterinnen, leider sprechen sie auch nur sehr wenig Englisch, sind für uns zuständig, etwas Kontakt habe ich zu Anastasia, die ich auch Nastja nennen darf. Von ihr erwerbe ich eine übliche Transsib-Tasse und einen Teebeutel, das Wasser ist ja umsonst.

Wenn wir durch Ortschaften fahren, wundere ich mich bei den Bahnübergängen immer über aus der Fahrbahn hochkommende Platten, die zusätzlich zur Schranke noch Sicherheit gewähren. Gegen Abend erreichen wir Kirov. Hier versorge ich mich am Bahnhofskiosk mit ein paar Dosen Baltika-Bier. Es schmeckt sehr gut und ist etwas preiswerter als im Speisewagen. Nastja bittet mich, das Bier in die Tasse zu füllen, da man öffentlich keinen Alkohol trinken soll. Dann fahren wir endlos lange durch die Taiga. Im Speisewagen ist nicht viel los, zum Abendessen gönne ich mir Gulasch mit Reis. Andreji lädt mich später noch auf ein paar Gläser Hennessy ein, sein gleichnamiger Trinkkollege aus dem Nachbarabteil ist mit von der Partie.

Diese nächste Nacht habe ich gut geschlafen, mein Daypack als weiteres Kissen hat sich bewährt. Dabei habe ich gar nicht mitgekriegt, dass zwei Personen zugestiegen sind. Eine längere Pause wird in Jekaterinburg eingelegt, neben uns wartet der Zug Brest-Nowosibirsk. Im Restaurant scheint das Wechselgeld zur Neige zu gehen, denn beim Bezahlen des Frühstücks wird mir statt Kleingeld ein Riegel Snickers ausgehändigt. Es ist kühler geworden. Kurz nach dem Aufwachen habe ich zwar etwas vom Ural gesehen, aber nicht den Stein bei Kilometer 1.777, der die Grenze Europa-Asien symbolisiert. Jetzt sind wir also in Asien. Lange Zeit fahren wir durch die Taiga mit ihren endlosen Nadelbaumwäldern. In Tjumen sind wir schon zwei Zeitzonen weiter und dürfen die Uhr von 15.00 auf 17.00 stellen, wenngleich die Zugangaben auf den Bahnhöfen und auf den Fahrplänen immer noch in Moskau-Zeit angegeben werden. Das soll einer verstehen! Ab jetzt befinden wir uns in Sibirien.

Im Gang sind zwei Steckdosen angebracht, die meistens belegt sind, schließlich hat auch in Russland jeder Mensch ein Handy. Eine sympathische Mitreisende versucht, ein Gespräch mit mir zu beginnen, jedoch es scheitert an der Verständigung – wie schon so oft zuvor. Häufig fällt das Wort „Baltikum“, aber ich glaube nicht, dass sie aus einem dieser Länder kommt. Im Speisewagen treffe ich abends einen Franzosen, der seinen Zug verpasst hat und hofft, einen Flug von Novosibirsk nach Irkutsk zu erhalten.
Abends habe ich noch einmal viel Spaß mit den beiden Andrejis, der jüngere aus dem Nachbarabteil hatte mittags, so scheint mir, schon glasige Augen. Erstaunlich, wie nun ein paar Dosen Baltika und einige Gläser Hennessy die non verbale oder beschränkt verbale Unterhaltung fördern können. Auch die Zugbegleiterin Anastasia ist zeitweise mit von der Partie und amüsiert sich ebenfalls. Zur Stärkung reicht Andreji uns ein paar Scheiben Blutwurst.

In Novosibirsk wache ich am nächsten Morgen auf, die Fahrt über den Fluss Ob habe ich leider verschlafen. Jetzt sind wir komplett im Abteil, Mutter und Tochter mit Hund sind zugestiegen, sie fahren bis Tschita. Gegen Mittag im Ort Taiga ärgere ich mich über die vielen unangenehmen kleinen Fliegen auf dem Bahnhof und flüchte lieber in den Zug.
Abends erlebe ich beim Abendbrot einen wunderschönen Sonnenuntergang, schlafe aber nicht sehr gut, weil Andreji und seine Kumpane teilweise auch in unserem Abteil ihrer „Nachtarbeit“ nachgehen. Pünktlich auf die Minute erreichen wir am nächsten Morgen Taischet. Die ersten 4.500 Kilometer sind geschafft!



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