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China-Transsib 2
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StepMap China-Transsib 2
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Transsib

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Lebensmittelauffrischung

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Großmutter und Enkelin

Großmutter und Enkelin

In der Transsib

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In der Transsib

In der Transsib

In der Transsib

In der Transsib

China und Transsib

hinein ins fernöstliche Abenteuer

Transsibirische Eisenbahn

Bis zur chinesisch-russischen Grenze belege ich ein Abteil, das für vier Personen ausgestattet ist, für mich allein. Neben mir im Wagen haben sich ein Amerikaner, ein Engländer, eine Japanerin und davor vier Russen eingerichtet. Ursula aus der Schweiz fährt in der 1. Klasse.

Der Zug setzt sich Punkt 20.23 Uhr in Bewegung. Aus den Lautsprechern, die zum Glück auszustellen sind, ertönt russische Musik, unterbrochen von Nachrichten.
Die Zugbegleiterin verteilt Bettwäsche und ein Handtuch, vorn am Zugeingang befindet sich ein Samowar und somit ist heißes Wasser zu jeder Zeit gewährleistet.

Im Speisewagen wird noch chinesisches Essen ausgegeben, ich trinke ein chinesisches Bier dazu.
Die erste Nacht schlafe ich mehr recht als schlecht, irgendwie zieht es immer.

Was erwartet mich? Die längste Zugfahrt der Welt, über 9.000 km liegen vor uns, an über 40 Bahnhöfen wird gehalten und hin und wieder die Lokomotive gewechselt. Durch Taiga und Tundra werden wir fahren, die sibirische Weite erleben, Millionen von Birken sehen.
Eigentlich gilt der April nicht als ideale Reisezeit, aus persönlichen Gründen war es mir aber nicht möglich, einen anderen, besseren Termin zu wählen. Der Frühling ist regnerisch und kühl, ideal ist der Herbst oder auch der Winter, wenn alles verschneit ist und man eine weite Sicht hat.

Am nächsten Morgen werden wir um 8.oo Uhr durch Radiomusik geweckt, es ist neblig, später kommt die Sonne durch und wir haben schönes Osterwetter.
Die Körperpflege ist gar nicht so einfach, muss man doch mit einer Hand immer den Wasserhahn festhalten. Die Rasiersteckdose funktioniert nicht, aber das ist kein Problem.

Draußen wird geackert, man sieht Pferde, Esel, Ochsen bei der Arbeit, wenige Traktoren, aber viele Menschen.

Jetzt habe ich richtig schön Zeit. Ich erkunde den Zug, in den Abteilen der "harten Klasse" hinter dem Speisewagen halten sich ausschließlich Chinesen auf. Oft klöne ich mit meinen Mitreisenden, den größten Kontakt habe ich zu Nick aus England, er wohnt im Nebenabteil und ist noch ganz begeistert von seinem Tibet-Besuch.

Im Bahnhof Siping rangieren etwa 10 Dampflokomotiven.
Nachmittags unterhält uns der Tourist-Radio-Service mit russischer Klassik, dazu englische Kommentare. Gegen 14.oo Uhr erreichen wir die Mandschurei. Schweine tollen auf einem offenen Feld herum, viele Bauern sind am Pflügen, fünf bis sechs Personen laufen hinter dem Gespann her. Die Häuser und Hütten sind teils aus Stein und teils aus Lehm, manchmal mit einem Strohdach.

Mit reichlicher Verspätung fahren wir in den Bahnhof von Harbin ein, es ist ein wunderschöner Frühlingstag. Der Zug hält etwa 15 Minuten und ich steige aus und vertrete mir die Beine etwas. Hier habe ich Gelegenheit, in einen chinesischen Regionalzug hineinzusehen und wundere mich, dass so viele Personen Platz finden, selbst draußen an der Tür halten sich einige mutige Männer fest. Während der Pause wird der Teppich in unseren Abteilen und im Flur gesaugt.

Abends im Speisewagen treffe ich zwei Frauen aus Hannover-Langenhagen, Mutter und Tochter, später gehen wir mit weiteren Leuten in ihr Abteil und zechen etwas, denn heute ist Ostersonntag.
Die Tochter war einige Monate in China, ihre Schwester arbeitet, welch ein Zufall, in Stolzenau, meiner alten Heimat.

Man kann eine Viertelstunde aus dem Fenster schauen, ohne einen Baum, einen Strauch, geschweige denn ein Haus zu sehen. Die Bäche sind morgens noch mit einer Eisschicht bedeckt.
Dann, wir fahren schon durch die Innere Mongolei (gehört zu China), nehmen wir plötzlich eine große Rinderherde auf der Steppe wahr.

Nach 1 ½ Tagen erreichen wir die Grenze. Auf chinesischer Seite werden wir von vier Personen kontrolliert, einer Ärztin, einem Passkontrolleur, einem Zollbeamten und einer Frau, die sich nach allen möglichen Sachen erkundigt, u. a. nach den bisherigen Stationen der Reise. Die Japanerin aus dem Nebenabteil lässt sich von einem Arzt behandeln und erhält eine Medizin. 15 Yuan werden ihr abverlangt.
Es geht relativ zügig und eine gute Stunde später fahren wir bereits durchs Niemandsland der sowjetischen Grenze entgegen, gezogen von einer Dampflokomotive.

Die Kontrolle auf dieser Seite der Grenze ist bedeutend aufwendiger, ich muss mein Geld auf Heller und Pfennig vorzählen, den Koffer öffnen, alle Bücher werden genauestens in Augenschein genommen, alle Musik-Kassetten von beiden Seiten angespielt.

Die Bahngleise sind in der UdSSR breiter und es dauert eine ganze Weile bis unsere Waggons auf die neuen Fahrwerke montiert sind. Ein Zar hatte vor Zeiten eine breitere Spur angeordnet, damit ein möglicher Feind nicht mit dem Zug ins Land eindringen kann.

Ich tausche etwas Geld in Rubel und lasse im wahrsten Sinne des Wortes den Rubel rollen, auf einer Theke im Warteraum. Nun muss auch die Uhr umgestellt werden. Es ist fast Mittag, aber wir müssen uns nach der Moskauer Zeit richten und dort ist es erst 5.40 Uhr.

Die weite Grassteppe Sibiriens empfängt uns recht windig, es ist erheblich kälter als in Peking. Die Seen sind noch vereist, Pelzmützen die übliche Kopfbedeckung der Menschen draußen. In der ersten Zeit sieht man noch viele militärische Stellungen neben den Schienen.

In Borsja steigen Großeltern mit ihrer Enkelin zu mir ins Abteil. Glücklicherweise habe ich zwei Sprachführer dabei und so gelingt uns eine umständliche aber nicht minder interessante Unterhaltung. Sie fahren nach Ulan Ude. Meine Mitreisenden haben mongolische Gesichtszüge, sie packen sofort ihren Proviant aus, gesalzenen Speck, und laden mich ein, mit ihnen zu essen. Es schmeckt sehr köstlich und ich revanchiere mich mit chinesischem Sherry-Brandy, dem Mädchen gebe ich ein Kaugummi. Später leihe ich ihr meinen Walkman und sie ist ganz begeistert und lauscht stundenlang der Musik.

Die Großeltern und ich spielen derweil Karten, es dauert zwar, bis ich die Spielregeln halbwegs begriffen habe, macht aber viel Spaß und ist vage mit "Mau Mau" zu vergleichen.

Die Zugbegleiterin reicht hin und wieder eine Tasse Tee (4 Kopeken), sie sind zu zweit, eine hat Tag-, die andere Nachtschicht.

Nun wird die Gegend etwas interessanter und abwechslungsreicher, hin und wieder tauchen Birkenwäldchen auf, manchmal kleine Berge.

Die Japanerin hat sich noch nicht erholt, zum Glück ist ein Arzt aus Korea im Zug. Der Nachbar aus Amerika war früher Englischlehrer in Arabien und in der Türkei. Er hat seine Tochter in Japan besucht, die dort ebenfalls Englisch lehrt. Anschließend war er noch in Korea, seine Ehefrau ist schon nach Florida zurückgeflogen.

Zum Abendessen gönne ich mir Borschtsch und einige Gläser Apfelsaft, Bier und andere Alkoholika werden seit der Grenzüberschreitung nicht mehr verkauft, auch nicht auf den Bahnhöfen, ich versuche es später einige Male, habe jedoch keinen Erfolg.

In der Nacht erreichen wir Ulan Ude, Großvater Artjun weckt mich, um sich zu verabschieden und schenkt mir noch zwei Speckenden, draußen ist es bitter kalt.

Morgens schneit es, die Flüsse und Seen sind noch zugefroren. Auch der Baikalsee, der größte und tiefste Süßwassersee der Erde, trägt noch eine dicke Eisschicht und ist schneebedeckt.
Wir fahren einige Stunden am See entlang und die Begleiterin öffnet auf unsere Bitte sogar das Türfenster, damit wir eine bessere Sicht haben.

Mittlerweile ist ein Ehepaar mit zwei kleinen Töchtern zu mir ins Abteil gestiegen, sie wollen nach Irkutsk. Anfangs sind sie sehr verschlossen, später tauen sie auf und ich verstehe mich mit Sascha und Marina, den Eltern, sehr gut. Wir trinken einen Sherry zusammen.

Nachmittags hängen einige Höschen von der Kleinen zum Trocknen, ob es keine Gummihosen oder Pampers gibt? Meine Nachbarn lassen sich ihre Mahlzeiten vom Restaurant ins Abteil bringen.

Die Gegend verändert sich, es kommen einige Nadelwälder, die Taiga kündigt sich an.

In Irkutsk steigt ein neues Ehepaar mit Tochter zu mir ins Abteil, der Amerikaner, zwei Schweizer und einige andere Bekannte, die ich im Zug kennengelernt hatte, verlassen uns.
Ich halte mich eine ganze Weile im und vor dem Bahnhof auf, es ist nicht mehr so kalt und man kann es aushalten. Einheimische Frauen verkaufen neben den Gleisen eigene Lebensmittel, gekochte Kartoffeln, eingelegte Gurken und getrockneten Fisch. Kurz nach der Abfahrt wird die Bettwäsche gewechselt.

Nun sind wir in der Taiga. Im Gelände wachsen Lärchen, Birken und Kiefern.
Im Bahnhof Zima steige ich aus und erwerbe von den Frauen am Bahnsteig vier saure Gurken. Sie haben ihre Waren im Kinderwagen transportiert.

Das kleine Mädchen in meinem Abteil spielt von morgens bis abends auf einer Mundharmonika, bei der ein Ton klirrt, es nervt, aber ich mag ihr nichts sagen.
Ihre Eltern haben sich auch Essen aus dem Restaurantwagen bestellt und laden mich ein, mit ihnen zu speisen.

Draußen sind viele Frauen in sogenannten Männerberufen zu sehen, gerade beim Bahnpersonal ist es besonders auffällig.

Fast alle russischen Mitreisenden tragen einen Trainingsanzug. Zwischen den Waggons, an der lautesten Stelle, sitzen die Raucher und frönen ihrem Laster.

Im Speisewagen sind längst nicht alle Gerichte, die auf der Karte stehen, vorrätig. An manchen Tagen wird morgens, mittags und abends das gleiche Menue angeboten. Bestellungen werden häufig mit "finished" erledigt.
Einige Male beobachte ich, dass die Russen ihr Brot nur mit Senf bestreichen.
Entgegen allen Warnungen in den Reiseführern ist das Toilettenpapier noch nicht ausgegangen.

In unserem Wagen fahren einige kleine Kinder mit, ich wundere mich, wie artig sie sind und wie sie sich den ganzen Tag über beschäftigen. Einem kleinen Mädchen gebe ich ein Kaugummi, kurze Zeit später kommen auch die anderen und blicken mich fragend an, natürlich kriegen sie auch ihr Recht.

An ein paar Abenden spiele ich mit Ursula und einem anderen Schweizer Karten. Meine Flasche Brandy ist mittlerweile leer und wir vergnügen uns mit Apfelsaft. Ursula belegt ein Abteil für zwei Personen und zur Ausstattung gehört auch eine Tischdecke.

In der Nähe von Krasnojarsk ist die ganze Landschaft schneebedeckt, hier überqueren wir den Jenissej. Ein älterer Russe mit Orden an der Jacke setzt sich zu uns.

Im Bahnhof Nowosibirsk steige ich wieder aus, besichtige das Gebäude und kaufe etwas ein. Kurz hinter dieser relativ jungen Stadt, die im Zusammenhang mit der Transsibirischen Eisenbahn ins Leben gerufen wurde, fahren wir über den Ob. Kleinere Dörfer liegen abseits der Schienen, auf den unbefestigten Straßen haben sich große Pfützen gebildet.

In Swerdlowsk fülle ich meinen Proviantbeutel auf und kaufe von den Frauen an der Bahn Limonade, Brot, gekochte Eier und Gurken. In dieser Gegend sehe ich zum ersten Mal während der Zugfahrt eine Kirche mit Zwiebelturm.
Den Ural hatte ich mir viel größer, viel wuchtiger und höher vorgestellt. Wir überqueren das Gebirge, das Asien und Europa trennt, in einer Höhe von etwa 450 m.
Den Steinobelisken mit der Aufschrift "Europa - Asien" beim Kilometerstein 1777 verpasse ich leider.

Nun ist also der letzte Tag in der Transsib angebrochen. Moskau kommt näher, an den Straßenrändern ist der Schnee immer noch nicht weggetaut. Eine Datschensiedlung liegt in der Nähe der Bahn.

In Jaroslawl hält der Zug zum 42. und zum letzten Mal während dieser Fahrt, die mir gar nicht so lang vorgekommen ist. Hier lese ich die letzten Seiten meines letzten Buches, wenn das kein gutes Timing ist.
Während wir im Bahnhof warten, kommen ein Arzt und eine Krankenschwester, um nach der Japanerin zu sehen, ihr Fieber ist glücklicherweise fast abgeklungen. Gestern hieß es noch, sie müsse in ein Moskauer Krankenhaus überwiesen werden.
Zwei Männer steigen zu uns ins Abteil, einer hat einen mächtigen Orden an der Brust und mehrere Stoffabzeichen an der Jacke, der andere grunzt immer. In Jaroslawl überquert unser Zug die Wolga, einige Eisschollen treiben noch auf diesem riesigen Fluss.

Schwermütig packe ich meine Sachen zusammen, denn kurze Zeit später erreichen wir Moskau bei Regenwetter und fahren in den Jaroslawer Bahnhof ein. Etwas bedrückt, aber sehr zufrieden steige ich aus, haste zur Metro und fahre bis zur Station Aeroport. Aber im Flughafen finde ich keinen Intourist- oder Interflugschalter. Erst jetzt erkenne ich, dass ich vollkommen falsch bin, hier werden nur Inlandsflüge abgefertigt und ich dachte, ich sei in Scheremetjewo.

Mit einem Taxi fahre ich in die Moskauer Innenstadt zum Organisationsbüro Petrovka, das ist aber leider auch nur für Inlandsflüge zuständig. Eine freundliche Frau telefoniert mit Interflug und gibt mir den Telefonhörer. Ich erkläre der Mitarbeiterin, dass ich zwar ein Flugticket nach Berlin habe, es aber leider aus bestimmten Gründen abgelaufen ist. Kein Problem, meint sie, in Scheremetjewo wird das geregelt. Und so ist es dann auch.

Im Flugzeug erlebe ich einen wunderschönen Sonnenuntergang und nach zwei Stunden ist Berlin-Schönefeld erreicht. Mit dem Bus geht es nach Westberlin, morgens besteige ich den Zug nach Bremen, steige dort sofort in mein Auto und fahre zum Spieltermin.

Beim Aufbauen der Instrumente werden Jürgen und Arie vom Wirt gefragt, wo ich denn bliebe.
Keine Sorge, antworten sie, Horst ist gleich da, er kommt gerade aus China.

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