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Juliana

Juliana

in Tschita

in Tschita

unterwegs in Sibirien

unterwegs in Sibirien

unterwegs in Sibirien

unterwegs in Sibirien

Kirche in Karymskaya

Kirche in Karymskaya

unterwegs in Sibirien

unterwegs in Sibirien

unterwegs in Sibirien

unterwegs in Sibirien

Die Nacht senkt sich über Sibirien

Die Nacht senkt sich über Sibirien

Gemächlich durch die Zeitzonen - mit Speed durch die Landschaft

Russland - Südkorea - Japan - China - Mongolei

In der Transsib II

Mein Nachbar im Zug Nr. 8 heißt Wladimir, er fährt bis Chabarowsk und spielt ebenfalls Saxofon. Mich treibt es in den Speisewagen und während ich so vor mich hin pfeife, ohne es selbst zu merken, kommt die hübsche Bedienung Juliana und bittet mich, das Lied zu wiederholen. Sie möchte es mit ihrem Smartphone aufnehmen. Wer kann diesem Charme schon widerstehen. Auf der Angara sitzen oder stehen Männer in ihren Booten und fischen.

Am nächsten Morgen frühstücke ich im Speisewagen, ein russischer Mitreisender ist schon sternhagelfröhlich. Mittagessen wird ausgeteilt: Hühnersuppe, Fleisch und noch etwas. Ich habe diesen Service nicht erwartet, geschweige denn davon gewusst.
Kurz vor 14.00 Uhr erreichen wir Tschita, jetzt haben wir schon wieder eine Zeitzone geschafft und in Moskau ist es sechs Stunden früher. Eine Kirche mit goldenen Kuppeln steht uns genau gegenüber. Stundenlang fahren wir am Fluss Ingoda entlang, einige Männer halten sich am Ufer auf und angeln. Am späteren Nachmittag erreichen wir Karymskaya. Auch hier freue ich mich, eine schöne orthodoxe Kirche als Fotomotiv zu bekommen. In dieser Gegend etwa muss die transmandschurische Strecke auf die Transsib stoßen, wenn es denn 1987 so gewesen ist, ab jetzt beginnt also absolutes Neuland. Viele Mitreisende verpflegen sich morgens und abends mit Tütennahrung, im Samowar steht ja jederzeit heißes Wasser zur Verfügung, oder bestellen etwas aus der Speisekarte und lassen es sich im Abteil servieren. Tagsüber geht Juliana mit einem Tablett durch die Waggons und verkauft Pizza, Piroggen oder Kuchen. Ich setze mich lieber in den Speisewagen. Später bei der Abrechnung kommt es zu leichten Irritationen, denn ich habe aus der Speisekarte Herbst 2014, die einen kleinen englischen Teil enthält, bestellt, abgerechnet wird aber nach der aktuellen von Frühling 2015. Und hier sind die Preise um 25 Prozent teurer. Inessa, eine Englischlehrerin, mit der ich den nächsten Abend verbringen werde, schlichtet die Situation. Einen Tag später sind die Preise auf der englischen Karte durchgestrichen.
 
In diesem Zug Nr. 8, Nowosibirsk bis Wladiwostok, wird, wie oben beschrieben, Mittagessen serviert: Hühnersuppe vorweg, dann Schweinefleisch mit Reis, Beefsteak mit Nudeln und Gulasch mit Nudeln, dazu jeweils 3-4 Maiskörner und 8-10 Erbsen. Es schmeckt aber ganz passabel. Nachmittags in Magdagaschi zeigt das Thermometer wieder 30 Grad an. Bäume, Bäume, Bäume, ich glaube, in diesen Tagen sehe ich mehr Bäume als ein in Ehren ergrauter deutscher Revierförster während seiner gesamten Dienstzeit. Einige Stunden und ein paar Millionen Birken später überqueren wir den Fluss Zeja in der untergehenden Sonne, es ist ein schönes Bild. Abends erzählt mir Inessa aus ihrem Leben. Sie arbeitet als Englischlehrerin und verdient monatlich 20.000 Rubel. Für ihre Zweizimmerwohnung muss sie 5.000 Rubel bezahlen. Ihre Familie hat ein gutes Auskommen, da ihr Mann ebenfalls berufstätig ist und mehr verdient als sie. Sie erzählt mir außerdem, dass der Staat Familien mit drei und mehr Kindern mit 400.000 Rubel unterstützt.

Am letzten Morgen im Zug weckt mich Wladimir gegen 7.30 Uhr, damit ich den Fluss Amur vor Chabarowsk nicht verpasse. Eine riesige Brücke überspannt das Wasser. Vasilij, der noch bis Wladiwostok mitfährt, lockt mich ein paar Schritte vom Bahnhof weg, damit ich einen Blick auf die Stadt erheischen kann. Er ist Territorial Supervisor bei Ferrereo und hat hier beruflich zu tun. Zufällig werden wir im selben Hotel wohnen. In fünf Tagen fliegt er nach Irkutsk. Vor zwei Jahren ist er allein mit dem Auto von Moskau nach Wladiwostok gefahren und brauchte acht Tage für die Strecke. Meine Abteilnachbarn scheinen sich nichts aus Alkohol zu machen, andere Gäste gehen da anders zu Werke. Eine Dreiergruppe versucht nach der dritten Karaffe Wodka ein Gespräch mit mir zu führen, aber ich kann rein gar nichts verstehen

Es regnet und ist etwas kühler als an den vorigen Tagen. Die Besiedlung wird immer rarer und die Zeit zwischen den einzelnen Haltestellen immer länger. Den Bahnhof von Ruzhino schmückt nicht nur eine Lok, sondern auch ein Lenin-Denkmal. Anschließend geht es durch weite braune und grüne Steppenlandschaft. Mein Handy erhält einen Roaminghinweis aus China, schließlich befinden wir uns jetzt mehrere Stunden in Grenznähe. Gegen 18.00 Uhr wird der letzte längere Halt in Ussuriysk eingelegt. Ein langer Güterzug mit Holzstämmen und Brettern wartet auf die Abfahrt. In der Nähe vieler Bahnhöfe stehen alte Wassertürme, die aber, dank zentraler Versorgung, nicht mehr in Betrieb sind. Bauern sind an diesen Tagen mit der Heuernte beschäftigt.
 
Pünktlich um 20.10 Uhr laufen wir in den Bahnhof von Wladiwostok ein, 9.297 lange Bahnkilometer und sieben Zeitzonen liegen hinter uns – und nicht eine Minute Verspätung. Ob das der Deutschen Bahn bekannt ist? Zusammen mit Vasilij gehe ich zum Hotel „Zhemchuzhina“ und checke ein.




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