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Jugendstilhäuser in Ålesund

Jugendstilhäuser in Ålesund

Route, entnommen aus HURTIGRUTEN: Die schönste Seereise der Welt SEEREISE HANDBUCH

Route, entnommen aus HURTIGRUTEN: Die schönste Seereise der Welt SEEREISE HANDBUCH

Nidarosdom

Nidarosdom

Ann-Karin am Nidelvaufer

Ann-Karin am Nidelvaufer

sonntags in Trondheim

sonntags in Trondheim

Leuchtturm "Kjeungskjær fyr"

Leuchtturm "Kjeungskjær fyr"

vor Tromsø

vor Tromsø

Eismeerkathedrale

Eismeerkathedrale

Abschied von Tromsø

Abschied von Tromsø

Schlittenfahrt mit Huskys

Schlittenfahrt mit Huskys

kurze Verschnaufpause

kurze Verschnaufpause

Schnee-Hotel

Schnee-Hotel

im Schnee-Hotel

im Schnee-Hotel

Aurora borealis

auf der Suche nach dem Nordlicht

Hinfahrt - Northbound Voyage

Pünktlich um 22.30 Uhr wird der Anker gelichtet. Bei prasselndem Regen beginnt das Abenteuer, wir schreiben den 23. Januar 2015. Bis Kirkenes, dem Wendepunkt dieser Reise, sind man nur schlappe 2.500 Kilometer zu bewältigen. In der Sommersaison sind es ein paar Meilen mehr, da auch der Geiranger- und der Trollfjord befahren werden. Svein stellt uns die wichtigsten Personen der Crew vor und erklärt die verschiedenen Abläufe. Gegessen wird im "Spisesal" auf Deck D: Frokost-Frühstück, Lunsj-Mittagessen und Middag-Abendessen. Am Lunchbuffet habe ich nicht teilgenommen, sondern mich selbst verpflegt, meistens mit einem Sandwich von Narvesen. Eine Filiale dieser Handelsgruppe sehe ich wohl in jeder Hafenstadt.

Am nächsten Morgen stärke ich mich, frisch geduscht, wenn auch etwas eng in der Nasszelle, am reichhaltigen Frühstücksbuffet. Rote Beete, Hering in verschiedenen Variationen, mehrere Sorten Marmelade und Wurst sowie Eier in täglich wechselnder Zubereitung gehören zum Standard. Das Brot dürfte etwas fester sein. Berge, auf deren Gipfeln der Schnee glänzt, erscheinen am Ufer zwischen Måløy und Torvik. In den Ortschaften kämpft das Licht der Laternen gegen die lange schwarze Nacht des Nordens an. Gegen 9.00 Uhr wird es hell, ein paar Tage später, in der Nähe des Nordkaps, dauert es eine Stunde länger. Dafür wird es dort dann auch schon gegen 14.00 Uhr dunkel. Als Besucher finde ich dieses Erlebnis sehr interessant, aber leben möchte ich in dieser dunklen Gegend nicht, jedenfalls nicht für immer.
 
An den ersten Tagen sind gut 40 Gäste auf der "VESTERÅLEN", sie kommen überwiegend aus Deutschland, aber auch aus Norwegen, Großbritannien und den Niederlanden. Die Passagiere verteilen sich, sofern sie sich nicht in der Kabine aufhalten, auf dem teilweise überdachten Deck F an der frischen Luft, auf dem Panoramadeck, in der Cafeteria, im gemütlichen Trollfjorden Salong oder in der Vesterålstuen. Im letztgenannten Raum wird um 19.00 Uhr die Bar geöffnet und Lars aus Trondheim, der vorher auf der Finnmarken tätig war, geht hier seiner Arbeit nach. Als ich ihn nach seinem Namen frage, verstehe ich erst "Lorsch". Seine Freundin arbeitet ebenfalls auf einem Schiff der Hurtig Ruten. Nach dem Dinner trinke ich hier im Salon täglich eine Tasse Kaffee, die im Preis eingeschlossen ist. Ein sogenannter Kaffee-Deal wird nach wie vor angeboten. Für 345 NOK kann unbegrenzt Kaffee in einer roten Tasse erworben werden. Das Angebot ist ein Jahr gültig, aber nur auf dem jeweiligen Schiff, ich habe mich an dem Geschäft nicht beteiligt. Momentan beträgt der Wechselkurs etwa 1 : 8,40. An Bord befinden sich aber nicht nur Touristen, sondern auch ganz gewöhnliche Reisende aus Norwegen. Sie sehen das Hurtig-Schiff als ein Transportmittel wie jede andere Fähre auch. Die jährliche Anzahl der Gesamtpassagiere bewegt sich auf über 400.000 Personen.

Ålesund empfängt uns mit Regen und Schnee, ich habe, wenn es denn nicht so kalt wäre, das Gefühl, dem deutschen Aprilwetter ausgesetzt zu sein und versage mir eine Wanderung auf den Hausberg Aksla. Stattdessen schlendere ich, wie auch Monate zuvor, zur Apotekergata, um mir noch einmal die hier so faszinierenden Jugendstilhäuser anzusehen. Ein Lokal kommt mir bekannt vor, das "anno", hier hatte ich früher einmal zu Abend gegessen. Auf der Weiterfahrt kommen wir wieder an Bergen mit Schneehauben vorbei, aber eine richtige weiße Schneelandschaft lässt noch auf sich warten, ich hätte es mir auch kälter vorgestellt. In Molde haben wir eine halbe Stunde Aufenthalt, hier gehe ich kurz von Bord, aber der Schneeregen motiviert nicht zu einem längeren Spaziergang.

Nach dem Abendessen trinke ich den schon erwähnten Kaffee in der Vesterålstuen. Lars erzählt, dass er drei Wochen arbeitet und danach drei Wochen Freizheit hat. Der Rückflug nach Hause, also in diesem Fall in etwa zehn Tagen von Bergen nach Trondheim, wird von der Reederei bezahlt. Alkohol ist für Besatzungsmitglieder tabu und auch während der Freistunden nicht gestattet. Sollte es zu einer Notsituation auf See kommen, muss auf jeden Hurtig-Mitarbeiter hundertprozentig Verlass sein.

Außer mit Lars unterhalte ich mich gern und täglich mit Inga, einer flotten Dänin. Sie versieht ihren Dienst in der Cafeteria und im Souvenirshop, hat einige Zeit in Hamburg gearbeitet und spricht sehr gut Deutsch. Das Reisen ist ihre Leidenschaft. Sie hat viel von der Welt gesehen und so mangelt es uns nicht an interessanten Themen. Bekanntlicherweise wird Hurtig, da die Schiffe einen öffentlich wichtigen Auftrag erfüllen, vom norwegischen Staat unterstützt bzw. subventioniert, zuletzt mit über fünf Milliarden NOK. Jedenfalls bisher, wie es nach 2019 weitergeht ist nicht abzusehen, denn mittlerweile gehört die Reederei englischen Investoren und neue Verträge müssen ausgehandelt werden. Inga sieht der Zukunft aber optimistisch entgegen. Der tägliche Liniendienst der Hurtigruten besitzt einen hohen Stellenwert in Norwegen und wird auch Riksvej Nr. 1, also Reichsstraße Nr. 1, genannt.

Bei der "VESTERÅLEN" handelt es sich um das zweitälteste Schiff der Hurtig-Flotte. Es wurde 1983 in Betrieb genommen und zählt somit zur mittleren Generation. Mit seinen 108 Metern Länge gehört es zu den Kleineren der Linie. In 148 Kabinen finden 516 Passagiere Platz. Da wir derzeit etwa knapp 40 Gäste zählen, ist es auf den Gängen und in den Aufenthaltsräumen recht übersichtlich. Kurz nach 22.00 Uhr laufen wir in den Hafen von Kristiansund ein, der Hauptstadt des Öls, so Originalton Lars. Die etwa 25.000 Einwohner der Stadt leben aber in erster Linie von Fischfang und –verarbeitung.

Pünktlich um 6.00 Uhr erreichen wir am nächsten Morgen den Hafen der Stadt Trondheim. Ann-Karin empfängt mich am Kai und zusammen gehen wir gemächlich in die Stadt hinein. Es hat geschneit, ist etwa minus vier Grad kalt aber sonning, so wie man sich einen winterlichen Sonntagmorgen in Skandinavien vorstellt. Allerdings ist es sehr glatt und wir müssen gehörig aufpassen, um nicht auszurutschen. Dicker plattgetretener Altschnee hat sich in eine regelrechte Eislandschaft verwandelt. Später werde ich mir an der Rezeption Spikes kaufen und diese Investition wird sich in den nächsten Tagen bewähren.

Ann-Karin und ich haben uns vor 1 1/2 Jahren auf den Lofoten kennengelernt und den Kontakt nie abreißen lassen. Am Fluss "Nidelva" entlang orientieren wir uns in Richtung Innenstadt, denn ich würde gern die alte Holzbrücke "Bybrua" im Schneegewand fotografieren. Leider verhindert ein Gerüst diese Aufnahme. Aber ein Blick auf die sich im Fluss spiegelnden Lagerhäuser entschädigt diese kleine Beeinträchtigung. Später setzen wir uns in ein gemütliches Café und unterhalten uns. Ann-Karin ist vor einigen Monaten umgezogen und muss nun für eine 34 Quadratmeter große Wohnung 8.000 NOK an Miete zahlen, da ist die Wohnsituation in Deutschland doch erheblich preiswerter. Später gehen wir noch zur bedeutendsten skandinavischen Kirche, dem Nidarosdom, und machen uns dann auf den Heimweg. Die restliche Zeit bis zur Abfahrt verbringen wir entspannt in meiner Kabine.

Pünktlich zur Mittagszeit geht es weiter durch den Trondheimfjord, einem der größten Fjorde des Landes. Einige Norwegerinnen verbringen die Zeit mit Stricken. Und dann ist auch schon der Leuchtturm Kjeungskjær fyr in Sicht, kurz danach die Insel Munkholmen. Erst Kloster im Mittelalter, danach Festung, jetzt beliebtes Ausflugsziel für Badefreunde. Im Licht der untergehenden Abendsonne passieren wir den engen Stokksund.

Nach dem Abendessen steigert Svein mit einer Informationsveranstaltung und einem Bildvortrag unsere sowieso schon spürbare Spannung auf das Nordlicht. So erfahren wir, dass der norwegische Physiker Birkeland maßgeblich an der Erforschung und Erklärung dieser Faszination beteiligt war. Hatte man früher noch geglaubt, die Erscheinung sei Vorbote eines Unheils wie Krieg oder Seuche oder eine Mondspiegelung auf den Rüstungen der Krieger nach einer Schlacht, so musste auf eine wissenschaftliche Erklärung bis 1896 gewartet werden. Fakt ist jedenfalls, dass dieses mystische Polarlicht entsteht, wenn geladene Teilchen des Sonnenwindes auf die Erdatmosphäre in den Polargebieten treffen.

Einige der Mitreisenden kennen das Spektakel bereits und versuchen unsere Erwartung mit dem Hinweis zu bremsen, dass wir erst in ein oder zwei Nächten das Naturschauspiel erleben werden. Auch Svein und der Kapitän geben zu bedenken, dass das Licht zwar sehr aktiv, aber eben auch über den Wolken ist und mit einer Aufklarung erst in ein paar Tagen zu rechnen sei. Spezielle Websites informieren über die Chance, das Nordlicht zu sehen. Unsere Fahrt steht unter dem Motto „hunting the light“, eine Broschüre mit diesem Titel liegt in jeder Kabine. Selbst die Einstellung des Fotoapparates zur optimalen Aufnahme der Leuchterscheinung wird darin erklärt. Im Frühling fährt Hurtig unter der Überschrift „Blüten“, danach natürlich unter „Mitternachtssonne“ und im Herbst unter „Beerenernte und indian summer“.

Um 07.10 Uhr des vierten Tages auf See überqueren wir den Polarkreis. Kurz vorher werden wir per Lautsprecher auf dieses Ereignis hingewiesen. Zwar ist es noch stockdunkel, aber ein starker Scheinwerfer zeigt uns den Globus auf der Insel Vikingen, der den imaginären arctic circle symbolisiert. Am Vorabend konnten wir die Uhrzeit der Überquerung schätzen, ich lag nur ein paar Minuten daneben. An diesem Punkt scheint die Mitternachtssonne am 21. Juni 24 Stunden lang. Im Laufe des Vormittags werden wir auf Deck F zur Polartaufe geladen. Neptun schüttet uns ein paar Eiskugeln in den Nacken und spendiert danach ein Glas Aquavit. Es fängt an zu tagen, als wir gegen 09.15 Uhr in den Hafen von Ørnes einfahren, das Thermometer zeigt plus zwei Grad an. Ein Seeadler zieht seine Kreise.

Bodø, die rund 48.000 Einwohner zählende Hauptstadt von Nordland, empfängt uns in heftigem Regen. Ein Hafenarbeiter stürzt beim Aufnehmen des Haltetaus. Vorsichtig schleiche ich über den gefrorenen Schnee und spaziere dann in die Stadt. Über den Torget, dem Rathausplatz, gehe ich zur Kathedrale, die ich beim letzten Mal auch besichtigt hatte. Aber bei dem Wetter macht das Herumlaufen eigentlich gar keinen Spaß und so gehe ich lieber in ein Einkaufszentrum und fülle meine Speisekammer auf. Aufgrund des Wetters, aber auch wegen der relativ wenigen Touristen, fallen einige Exkursionen aus, so auch der für heute geplante Ausflug zu den Saltstraumen. Viermal am Tag, zwischen Ebbe und Flut, werden hier enorme Wassermassen durch den nur 130 Meter breiten Sund gepresst. Es soll sich um den stärksten Mahlstrom der Welt handeln.
Während des Abendessens erreichen wir Stamsund und sind somit auf den Lofoten. Später in Svolvær, der Hauptstadt dieser Inselgruppe, gehe ich von Bord. Aber auch hier ist das Bewegen ein mutiges Unterfangen und ich habe nur den einen Gedanken, nämlich nicht hinzufallen und mir die Knochen zu brechen. Im „Bacalao“ trinke ich ein Glas Bier, das Hotel, wo ich vor Monaten abgestiegen war, hat Winterpause.
  
Nach einer Stunde setzt sich das Schiff wieder in Bewegung. Aufgrund der stürmischen Witterung wird am Eingang des Trollfjords nicht angehalten, aber wir hätten eh nicht viel sehen können. Einige Mitreisende erwerben ein spezielles Trollglas nebst Inhalt und prosten sich zu.
  
Am nächsten Morgen wundere ich mich über die vielen Schlafenden im Trollfjorden Salong. Sie müssen wohl am späten Abend oder während der Nacht an Bord gekommen sein. In Finnsnes verlasse ich das Schiff für einen kleinen Spaziergang. Das Thermometer zeigt wieder ein paar Plusgrade an und meine Handschuhe habe ich bisher nicht gebraucht, außer zum Schutz der Hände, falls ich mal stürzen sollte. Nachmittags werden wir mit dem Film „Tromsø – Tor zum Eismeer“ auf unser nächstes Ziel eingestimmt. Früher wurden in dieser Stadt tatsächlich Eisbären und Walrösser als Haustiere gehalten. Unser Reisebegleiter informiert uns außerdem, dass sich ein Teil der Besatzung am nächsten Tag in Honningsvåg an einem Streik beteiligen wird. Wegen der langen Liegezeit in diesem Hafen würden wir Passagiere aber keine Beeinträchtigung erfahren. Dicke Wolken hüllen die nahen Berggipfel ein. Die Fahrrinne wird nun schmaler und auf dem Rystraumen durchfahren wir den schnellsten Gezeitenstrom unserer Reise, er kann eine Geschwindigkeit von über sechs Knoten erreichen.

Bevor wir in Tromsø, dem „Paris des Nordens“, von Bord gehen, werden wir per Lautsprecher auf die gefährliche Eisfläche hinter der Gangway informiert. Obwohl die Uhr noch keine 15.00 Uhr anzeigt, herrscht schon absolute Finsternis. Die Stadt mit rund 65.000 Einwohnern darf sich mit vielen Superlativen schmücken: nördlichste Universität der Welt, größte Metropole des Nordens, nördlichste Brauerei und nördlichstes Planetarium der Welt. Auch war sie Ausgangspunkt bedeutender Polarexpeditionen, u.a. unter der Führung von Nansen oder Amundsen. Der Wind bläst mir mächtig ins Gesicht, als ich über die gut einen Kilometer lange Tromsøbrua den Sund überquere. Gut, dass ich meine Wollmütze aufgesetzt habe, vorsichtshalber ziehe ich noch die Kapuze des Mantels darüber. Am anderen Ende erhebt sich das Wahrzeichen der Stadt in hellem Lichterglanz, die Eismeerkathedrale. Ihre Form symbolisiert die Trockenfischgestelle, ihre weißen Streben das Polarlicht bzw. die Mitternachtssonne. Das große Glasmosaik, das die Wiederkehr Jesus darstellt, wurde nachträglich eingebaut. Es ersetzt die frühere einfache Verglasung. Gerade in der Zeit der Mitternachtssonne waren die Gläubigen gehalten, eine Sonnenbrille aufzusetzen – und der eine oder andere soll dabei ein Nickerchen gehalten haben …

Das Bewegen in der Stadt stellt sich wegen der Glätte als gefährliches Unterfangen dar, viele Fußgänger haben ihre Spikes angelegt, wie man unschwer hören kann und ich werde mir heute ebenfalls ein Paar kaufen. Sie sind an der Rezeption erhältlich. Insgesamt stehen uns vier Stunden für die Stadtbesichtigung zur Verfügung. So bleibt mir noch genügend Zeit zum Einkaufen und zu einem Besuch der Bar „Rorbua“. Hier war ich auch beim letzten Mal eingekehrt. Gern erinnere ich mich, dass dieser Pub das schmackhafte Arctic-Bier verkauft. Natürlich bestelle ich mir ein Glas davon. Es wird hier vor Ort von der Firma Mack, der oben erwähnten nördlichsten Brauerei der Welt, hergestellt. Über den Preis decke ich lieber den Mantel des Schweigens. Ansonsten erinnere ich mich an die freundlichen Autofahrer, die jedem Fußgänger Vorfahrt gewähren, aber auch an die zahlreichen Bettler.

Nach dem Abendessen werden wir auf Deck F über Stockfisch informiert. So erfahren wir, dass zumeist Kabeljau oder Dorsch durch Trocknung haltbar gemacht wird, nachdem die Eingeweide entnommen und der Kopf abgetrennt wurde. Paarweise werden die Fische auf den Trockengestellen aufgehängt. Der ideale Fisch hat sich sieben Jahre in der Barentssee entwickelt und sich dann südlich auf den Weg gemacht. Etwa 300 Millionen Tonnen Fisch werden jährlich von Norwegen exportiert, in über 150 Länder. Unser Kapitän demonstriert dann mit einem Hammer, wie der getrocknete Fisch gefügig gemacht und roh gegessen wird. Mir hat es geschmeckt. Den besten Bacalao habe ich im gleichnamigen Lokal in Svolvær 2013, beim letzten Besuch, gegessen, mit Tomatensoße mediterran angemacht. Während dieser Demonstration begegnet uns die südgehende MS Nordkapp von Hurtig.

Hammerfest, die nördlichste Stadt der Welt, erlebe ich schlafend. Auch vom Sturm der letzten Nacht habe ich nichts mitbekommen. Bevor wir den Hafen von Havøysund anlaufen, sehen wir noch den nördlichsten Windpark auf unserem Trabanten. Die Energie wird u. a. nach Deutschland und in die Niederlande exportiert. Eine Vegetation ist auf den schroffen Bergen nicht mehr zu erkennen. Von Gletschern geformte Hügel erheben sich auf beiden Seiten unserer Fahrspur, auf einer Seite norwegisches Festland, auf der anderen die Insel Magerøya, auf der auch der Ort Honningsvåg angesiedelt und das Nordkap zu besichtigen ist. Samen aus Karasjok in der inneren Finnmark nutzen die Insel für ihre Rentiere als Sommerweide. So werden die Herden im Herbst, fett und gesättigt, schwimmend auf das etwa 1,2 Kilometer entfernte Festland gebracht, im Frühling die nun schwächeren Tiere mit einem Marineboot übergesetzt. Autofahrer haben es da leichter, ein künstlicher Meerestunnel verbindet das Festland mit der Insel. Ein gutes Foto von dieser Meerenge will mir nicht gelingen, denn es ist noch relativ dunkel, obwohl die Uhr schon 10.15 h anzeigt.

Kurz vor der Einfahrt in den Hafen des Ortes Honningsvåg (ca. 3.200 Einwohner) verkündet Svein die Hiobsbotschaft: Der Ausflug zum Nordkap fällt aus. Starker Sturm und heftiges Schneetreiben lassen einen Transport nicht zu, auch eine private Fahrt im Taxi ist aus den gleichen Gründen nicht möglich. Obwohl es relativ dunkel ist, gehe ich gegen 11.30 Uhr von Bord und laufe etwas durch die Stadt. Gut, dass ich meine Spikes untergeschnallt habe. Nur vereinzelt kommen mir Fußgänger oder Autos entgegen. Die Ice Bar und auch das Hotel, wo ich früher eine Nacht gewohnt hatte, sind geschlossen. Ein paar Kunden schauen mir aus einem Laden gelangweilt hinterher. Häufig stehen PKW schnaufend am Straßenrand. Wenn der Fahrer nur eine kleine Besorgung zu verrichten hat ist es ratsam, das Fahrzeug nicht auszustellen. Meiner Erinnerung nach müssten sich am Ortsausgang Richtung Nordkap Fisch-Trockengestelle befinden, die ich gern noch einmal sehen möchte. Auf dem Weg dorthin wird die Hauptstraße permanent wieder von Schneewehen verdeckt, sodass manchmal eine Orientierung nur sehr schwer möglich ist. Immer wieder sticht mir der Schnee dermaßen ins Gesicht, dass ich meinen Plan aufgebe, schnurstracks aufs Schiff gehe, den Wasserkocher anstelle und mir einen heißen Grog gönne. Gegen 14.00 Uhr liegt Honningsvåg in tiefem Dunkel, die lange arktische Nacht ist angebrochen. Da ich das Nordkap bereits besucht habe, hält sich meine Enttäuschung in Grenzen – und vom Streik haben wir nichts mitgekriegt. Aus Witterungsgründen wird unser Abendessen, heute werden wir mit einem ausgezeichneten Fisch- und Meeresfrüchtebuffet bewirtet, vorverlegt. Und das ist gut so, denn Momente später tobt das Meer und hohe Wellen lassen viele der Passagiere in ihre Koje flüchten. Ein nie erlebtes Schneetreiben sorgt dafür, dass sich nur noch die leidenschaftlichsten Raucher auf eine Zigarettenlänge an Deck wagen. Am nächsten Morgen hören wir, dass der arktische Sturm bis zu zehn Meter hohe Wellen gegen das Schiff peitschen ließ.

Kirkenes erreichen wir mit halbstündiger Verspätung, nach 2.500 Kilometern einschließlich Schnee und Sturm nicht schlecht, oder? Schwere Eisschollen schwimmen im Hafen, der weit im Inneren des Fjordes liegt und nicht vom Golfstrom berührt wird. Eisbrecher sind ein wichtiges Verkehrsmittel in dieser Region. Einige Passagiere beenden hier ihre Fahrt und fliegen nach Hause. Was müssen sie enttäuscht sein! Weder das Polarlicht noch das Nordkap war ihnen vergönnt, die eigentlichen Highlights dieser Reise. Vom Ort, ca. 3.300 Einwohner, sehen wir nicht viel, dank der norwegischen Asylpolitik sollen Menschen aus etwa 40 Ländern hier eine neue Heimat gefunden haben. Russland liegt 15 Kilometer entfernt.

Ein Minibus bringt uns zur Huskystation, wo 150 Hunde auf Arbeit warten. Unser Fahrer erklärt, dass die Seen, an denen wir vorbeikommen, keine Namen haben, sondern einfach mit Nummern benannt werden, See 1, See 2 usw. Die Batterie unseres Autos wird nach Ankunft an eine Steckdose angeschlossen. Nachdem wir in einen dicken Overall geschlüpft sind und das Gesicht mit einem Schal bedeckt haben, werden wir auf die einzelnen Schlitten verteilt. Martina und Markus belegen einen, ein Paar aus England den anderen, ich fahre allein. Mein Lenker heißt Igor. Er ist sehr fachkundig und freundlich. Bei minus sieben Grad stürzen wir uns in das Abenteuer.
Und es macht Spaß! Die Schlitten werden von jeweils acht Huskys, meist alaskischer Herkunft, gezogen. Der Hund vorne links ist der Leader und die sieben anderen haben sich an ihm zu orientieren. Vier Befehle, wie ich es auch von Pferden kenne, müssen von den Tieren befolgt werden, einmal hören sie auch auf mein Kommando. Es schneit und ich freue mich über den Schal, so ist mein Gesicht doch wenigstens geschützt. Eine knappe Stunde sind wir in der weißen Winterlandschaft unterwegs, einmal geht es über einen vereisten Fjord. Auf einem verschneiten Feld stehen sechs Pferde, eine Decke schützt notdürftig vor der beißenden Kälte. Igor meint, dass diese Rasse täglich für vier Stunden an die frische Luft gebracht wird und eine Temperatur von minus 25 Grad unbeschadet verkraftet. Die Hunde haben während des etwa viermonatigen Sommers Pause, sie schlafen, laufen, schwimmen und freuen sich auf den Schnee.

Nach diesem wunderbaren und für mich einmaligen Erlebnis bedanke ich mich herzlich bei Igor, ein Trinkgeld lehnt er ab. In einer gemütlichen Blockhütte wärmen wir uns mit einem Beerensaft, serviert in einem Holzbecher, auf. Weiter geht es zum benachbarten Schneehotel. Seine Wände sind zwei Meter dick und in den 23 Zimmern herrscht eine Durchschnittstemperatur von minus fünf Grad. Ein Hochzeitszimmer ist ebenfalls vorhanden, schwer vorstellbar, dass bei dieser Kälte eine heiße Stimmung entstehen kann. Die einzelnen Räume sind mit Eisskulpturen geschmückt, mystisches Licht verspricht eine gewisse Spannung – aber ich ziehe dann doch meine gemütliche Koje auf dem C-Deck vor.


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