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Weserstein

Weserstein

Etappe 1

Etappe 1

Rathaus von Hann. Münden

Rathaus von Hann. Münden

hier entsteht der Fluss

hier entsteht der Fluss

Nachwuchs hat sich eingestellt

Nachwuchs hat sich eingestellt

die Weser bei Vaake

die Weser bei Vaake

Klosterkirche in Lippoldsberg

Klosterkirche in Lippoldsberg

Fähre in Lippoldsberg

Fähre in Lippoldsberg

Rathaus in Bad Karlshafen

Rathaus in Bad Karlshafen

Rathaus Beverungen

Rathaus Beverungen

Altstadt Höxter

Altstadt Höxter

Kloster Corvey

Kloster Corvey

Blick auf Lüchtringen

Blick auf Lüchtringen

Reichspräsidentenhaus in Holzminden

Reichspräsidentenhaus in Holzminden

Schloss Bevern

Schloss Bevern

Burgruine Polle

Burgruine Polle

die Weser bei Dölme

die Weser bei Dölme

der Lügenbaron

der Lügenbaron

Münchhausenhaus

Münchhausenhaus

Windmühle in Tündern

Windmühle in Tündern

Hochzeitshaus in Hameln

Hochzeitshaus in Hameln

der Rattenfänger

der Rattenfänger

2. Etappe

2. Etappe

Museum in Hameln

Museum in Hameln

Süntelturm

Süntelturm

Hohenstein

Hohenstein

Paschenburg

Paschenburg

Springsteine

Springsteine

Marktplatz Rinteln

Marktplatz Rinteln

Altes Rathaus

Altes Rathaus

das Ziel ist in Sicht

das Ziel ist in Sicht

die Norddeutsche Tiefebene ist erreicht

die Norddeutsche Tiefebene ist erreicht

Das Weserbergland

zu Fuß von Hann. Münden nach Porta Westfalica

Einleitung

Eigentlich hatte ich als quasi mit Weserwasser Getaufter vor, den gesamten Weser-Radweg zu wandern, also von Hannoversch Münden nach Bremerhaven. Aber nach kurzer Zeit stelle ich fest, dass die Fortbewegung auf diesen mit Teer oder Stein befestigten Wegen ideal für Radfahrer, aber unangenehm für Wanderer ist. Schon nach zwei Tagen signalisieren meine Füße und Gelenke, doch auf einen schönen Wald- oder zumindest auf einen weicheren Wanderweg zu wechseln. Und in Hameln habe ich dann für mich entschieden, den Marsch auf das Weserbergland zu reduzieren und auf prädestinierteren Wegen bis Porta Westfalica, dem Endpunkt, weiter zu gehen.

Als Schüler haben wir Ausflüge an die Oberweser unternommen, waren in Jugendherbergen in Holzminden und Hann. Münden, haben die Umgebung erkundet und auch später war das Weserbergland immer ein begehrtes Ziel, so z. B. auf einem Schiff von Minden weseraufwärts oder ein Besuch von Verwandten in der Nähe von Rinteln. Auch das weithin sichtbare Kaiser-Wilhelm-Denkmal war immer wieder mal einen Abstecher wert. Wenn ich als Kind auf die Scheune geklettert bin, konnte ich den Kaiser bei gutem Wetter erkennen. Nun also den Rucksack gepackt, die Wanderschuhe an und auf geht’s.


ERSTE ETAPPE: VON HANN. MÜNDEN BIS HAMELN

20.05.2020 von Hann. Münden nach Oedelsheim 28,3 km

Kurz vor 11:00 Uhr fährt der Zug in den Bahnhof von Hann. Münden ein, nun sind es noch ein paar 100 Meter bis ins Zentrum. Gerne erinnere ich mich an die Jugendherbergswoche hier im Jahre 1964. Morgens wurden wir vom Herbergsvater mit einer Gitarre geweckt. Natürlich sind wir auch zur Tilly-Schanze geklettert. An einem Abend schauten wir uns vor dem historischen Rathaus das Theaterstück „Dr. Eisenbarth“ an. Der als Wunderarzt bekannte Mann wird auch als „Bruchschneider“ oder „Handwerkschirurg“ bezeichnet. Ein freundlicher Mann erklärt mir heute, dass diese Aufführungen seit zwei Jahren mangels Interesses nicht mehr stattfinden. Damals hatten wir uns auch die als Dornröschenschloss bekannte Sababurg angesehen.

Zunächst gehe ich am Werra-Ufer entlang zum Welfenschloss, das in die mittelalterliche Stadtbefestigung einbezogen war. Heute haben u. a. das Amtsgericht und die Stadtbücherei ihren Sitz in diesem historischen Gebäude. Gleich daneben befindet sich das Geschwister-Scholl-Haus. Vorbei an anmutigen Fachwerkhäusern erreiche ich den Marktplatz mit dem schon erwähnten Rathaus aus der Zeit der Weserrenaissance. Nun ist es nicht mehr weit, bis ich den Weserstein erreiche, erbaut an der Stelle, wo sich Werra und Fulda zur Weser vereinen. Das Gedicht aus dem Jahre 1899

„Wo Werra sich und Fulda küssen
Sie Ihre Namen büssen müssen
Und hier entsteht durch diesen Kuss
Deutsch bis zum Meer der Weser Fluss“

mussten wir als Schüler während des Besuchs von Hann. Münden auswendig lernen. Nachdem ich dann die Werra über eine alte Brücke überquert habe ist der Weser-Radweg erreicht. Am Stadtausgang weist ein Schild auf das Corona-Testzentrum hin. Das Virus bzw. seine Auswirkungen werden mich auf der gesamten Wanderung begleiten. Eigentlich wollte ich am Vorabend anreisen, aber es war mir aufgrund der Pandemie-Beschränkungen nicht möglich, ein Hotel in der Stadt zu buchen.

Beim Weitergehen blicke ich immer wieder zurück auf den Punkt, wo sich die Flüsse zur Weser vereinen. Blühende Kastanienbäume leuchten am Wegesrand. Und dann ist das Fischer- und Flößerdorf Gimte erreicht, wie ich auf einem Holzschild lesen kann. Bei Hacki´s Pub wurde ein Maibaum aufgestellt. Beim Weitergehen freue ich mich über die schönen Fachwerkhäuser in Vaake und Reinhardshagen auf der anderen Flussseite, die sich fotogen in der Weser spiegeln. Dieser Teil des Radweges gehört zum Natur- und Kulturpfad Hemeln, entsprechende Schilder machen auf bestimmte interessante Punkte aufmerksam, so u. a. auf ein Storchennest, das sich auf einem Fabrikschornstein befindet. Nachwuchs hat sich bereits eingestellt. Auch wird auf eine alte Mühle aus dem Jahre 1604 hingewiesen, aber sie wurde stillgelegt, überbaut und ist nicht mehr als eine solche erkennbar. In Hemeln lege ich eine kleine Pause ein. Von hier kann die Weser mit einer Fähre nach Veckerhagen überquert werden.

Vor dem Ort Glashütte stapeln sich etliche Baumstämme, Opfer des letzten Orkans. Auf einem unbefestigten Waldweg geht es weiter, einmal merke ich ein paar Regentropfen, aber grundsätzlich ist heute ein gutes Wanderwetter, größtenteils trocken und nicht zu warm. In der Nähe von Bursfelde gehe ich über das kleine Flüsschen Nieme, verlasse Niedersachsen und betrete das Bundesland Hessen. Gegen 18:00 Uhr erreiche ich Oedelsheim an der Märchenstraße in der Solling-Vogler-Region und im Landkreis Kassel. Mit einer Gierseilfähre hätte ich hier auf die andere Seite der Weser fahren können. Dieser Fährtyp nutzt die Strömung des Flusses zur Fortbewegung und war vor ein paar Wochen auch Thema in der Sendung „Leuchte des Nordens“. Während meiner Wanderung werde ich noch öfter Gelegenheit haben, ein solches Wasserfahrzeug zu beobachten. Nun ist das Hotel „Kronenhof“ in Sichtweite, ich checke ein und verbringe hier auch den Abend, schön auf Abstand bedacht, denn Corona ist allgegenwärtig. Hier in Hessen sind Restaurants schon seit dem 15.05. wieder geöffnet, in Niedersachsen ein Woche und in Bremen zwei Wochen später. Verwundert bin ich, dass sich in meinem Zimmer außer einer Bibel auch ein Buch mit Grimms Märchen befindet, aber schließlich bewege ich mich nunmehr ja auf der Märchenstraße. Die heutige und die beiden weiteren Übernachtungen hatte ich im Vorwege gebucht. Eine Kommunikation mit anderen Gästen im Lokal ist aufgrund der Beschränkung schlecht möglich, allerdings habe ich mich einmal in ein Gespräch eingemischt, als ein Mann behauptete, Werder sei noch nie abgestiegen.


21.05.2020 von Oedelsheim nach Beverungen 32 km


Nach einem guten Frühstück mache ich mich kurz vor neun Uhr auf den Weg. Einfach durch den Garten und schon ist der Radweg fast erreicht. Die Sonne lacht vom Himmel, das Wasser der Weser glitzert und meine Laune könnte nicht besser sein. Jetzt, im letzten Drittel des Wonnemonats, hat der Raps sein leuchtendes Gelb weitestgehend verloren, dafür wird die Wintergerste auf den Feldern schon heller. Auch der Kartoffelanbau spielt hier eine Rolle. Nach ein paar Kilometern ist Lippoldsberg erreicht. Auf einer kleinen Wiese halten sich zwei Strauße auf, oder handelt es sich um Emus? Das Örtchen liegt in einem malerischen Talkessel, umgeben von Wäldern des Reinhardswaldes, des Bramwaldes und des Naturparks Solling-Vogler. Hier verweile ich ein paar Momente, wandere durch den Ort und schaue mir die Klosterkirche, die zu den bedeutendsten romanischen Bauten des 12. Jahrhunderts in Deutschland zählt, an. Und dann mache ich leider einen entscheidenden Fehler: Ein Schild besagt, dass der Weg auf der anderen Weserseite zwei Kilometer kürzer ist und so entscheide ich, mit der Fähre ans andere Ufer zu wechseln. Zunächst ist auch alles in Ordnung, in der Nähe von Wahmbeck zieht ein Doppeldecker am Himmel seine Kreise, aber danach führt der Radweg etwa acht Kilometer an der B 80 entlang, wenn ich das gewusst hätte …

Heute ist Himmelfahrt, dementsprechend entwickelt sich der Verkehr, Radler kommen von vorne und hinten, meistens Pedelecs, häufig von dickärschigen behelmten Männern gefahren. Und nicht nur das, neben mir auf der Bundesstraße rauschen Karawanen von lauten Motorrädern, zig Cabrios und andere Autos an mir vorbei. Dass zahlreiche Bäume an den Berghängen abgestorben sind hat aber wohl nicht nur mit diesem Verkehrsaufkommen zu tun. An einem von zwei Rastplätzen ist kein Platz mehr frei, Rad- und Autofahrer haben ihn belegt, wie gerne hätte ich mich hier für einen Moment ausgeruht. Kurz vor Bad Karlshafen kommt mir ein Radlerpaar entgegen und fragt, ob der Weg weiter an der Hauptstraße entlang führt. Als ich bejahe macht es kehrt und fährt zurück. Durch den Kurpark erreiche ich etwas genervt und durstig die Barockstadt Bad Karlshafen. Ich wandere an der Wellnessoase „Weser-Therme“ vorbei und erreiche dann den Ortskern. Hier ist was los! Hungrige und durstige Besucher stehen in langen Schlangen vor den Cafés und Bistros, zahlreiche Motorräder parken an den Straßenrändern. Das Rathaus, ein ehemaliges Pack- und Lagerhaus mit mächtigem Walmdach, früher als repräsentatives Gästehaus des Landgrafen genutzt, liegt malerisch am historischen Hafenbecken. Vor einer Bäckerei reihe ich mich in die Schlange ein, warte, bis ich an der Reihe bin, und kaufe mir ein Erfrischungsgetränk. Beim Weitergehen merke ich, dass ich, wie auch immer, meinen Mundschutz verloren habe.

Über eine Brücke wechsele ich nun zur anderen Weserseite, gehe einen Moment auf dem Sky-Walk mit wunderbarem Blick auf die Flusslandschaft, verlasse Hessen, erreiche NRW und wandere bis Würgassen. Dieser zu Beverungen gehörende Ortsteil liegt in der Nähe des Dreiländerecks Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Hier hätte ich, wie auch ausgeschildert, eine Radlerfähre nehmen sollen. Stattdessen wandere ich auf der rechten Weserseite weiter, wie einige andere auch. Doch irgendwann ist der Weg zu Ende und zum Glück eine Brücke in Sicht, so dass ich einmal mehr den Fluss überschreiten kann. Nachdem ich den Namensgeber der Stadt, das kleine hier in die Weser mündende Flüsschen Bever, überschritten habe, ist Beverungen im Kreis Höxter erreicht. Am Minigolfplatz vorbei gehe ich ins Zentrum und ein paar Momente später bin ich am Ziel und stehe vor dem Hotel „Stadt Bremen“. Nach dem Einchecken erwerbe ich zunächst einen Mundschutz zu einem ambitionierten Preis und trinke dann ein paar Radler im Biergarten. Nach einer notwendigen Erfrischungspause kehre ich zum Abendessen in den Biergarten, der von einem Straßenbahnwagen mit Motiven der Bremer Stadtmusikanten geschmückt ist, zurück und verbringe hier den Rest des Tages. Am Nebentisch verweilt ein Musikerpaar aus Detmold. Wir unterhalten uns angeregt und es wird ein geselliger Abend. Zufrieden lege ich mich schlafen, habe ich doch von meiner Arthrose im linken Knie, die mich gestern noch geplagt hat, so gut wie nichts gespürt.


22.05.2020 von Beverungen nach Holzminden 27 km

Wiederum starte ich gegen neun Uhr. Auch heute beginnt der Tag mit einem guten Frühstück. Da das Buffet wegen Corona nicht zur Verfügung steht, darf jeder Gast seine Wünsche äußern und das Bestellte wird dann am Tisch serviert. Heute meint es die Sonne nicht so gut wie am Vortag. Auf dem Weg zur Weser komme ich an schönen alten Fachwerkhäusern vorbei, am Rathaus mit dem Brunnen und am Fährhaus. Am Fluss angekommen wundere ich mich über die hier vermehrt zu sehenden Buhnen. Es handelt sich dabei um Dammkörper, die zur Stromregulierung und zum Uferschutz angelegt wurden. Wenn ich Ortschaften passiere fällt mir auf, dass zahlreiche Campingplätze in Ufernähe angelegt wurden. An diesen Tagen sind sie gut besucht, viele Wohnwagen scheinen hier dauernd zu parken. Ein Kuckuck macht auf sich aufmerksam, heute sehe ich auch den ersten Maikäfer, Frösche quaken in Ufernähe. Nachdem ich an dem zu Beverungen gehörenden Ort Blankenau vorbei bin, hält ein älterer Radfahrer an und wir unterhalten uns eine Weile. Er kennt sich in dieser Gegend gut aus und empfiehlt mir, die Strecke von Bodenwerder nach Hameln nicht zu gehen, sondern den Zug oder Bus zu nehmen. In diesem Jahr möchte er, wenn es Corona denn zulässt, mit Freunden Sizilien auf dem Fahrrad erkunden. Seine Mitfahrer müssen mindestens 70 Jahre alt sein, denn auf „ambitionierte Rekordjäger“ kann er gut verzichten.

Dann ist Wehrden erreicht. Im Schlosspark lege ich eine kleine Pause ein und schaue mir das Schloss und den Droste-Hülsoff-Turm an. Beim Weitergehen kommen mir doch tatsächlich drei Wanderer entgegen, sie sind auf dem Weg nach Beverungen. Bisher begegneten oder überholten mich nur Radfahrer oder Menschen, die ihren Hund Gassi führten. Gegenüber auf der rechten Weserseite thront das Schloss Fürstenberg auf dem Kathagenberg. Auf den Weiden grasen Pferde, vielen wurde ein Augenschutz umgebunden. Mein Weg führt nun weiter zwischen der Godelheimer Seenplatte mit den vielen Campern auf der einen und der Weser auf der anderen Seite. Nachdem ich den am anderen Ufer gelegenen Ort Boffzen passiert habe ist die Stadt Höxter erreicht.

Ein Spaziergang durch die historische Altstadt darf natürlich nicht fehlen, aber sie ist auch wirklich einen Besuch wert, mittelalterliche Gassen, Fachwerk, alte Kirchen, das ebenfalls im Weserrenaissancestil erbaute Rathaus. Nun verlasse ich den Radweg und wandere zum Kloster Corvey, es ist ein kleiner, aber lohnender Umweg. Während unseres Klassenausflugs nach Holzminden im Jahre 1963 hatten wir diese Anlage ebenfalls besucht und ich erinnere mich, dass hier Annalen von Tacitus aufbewahrt wurden. Das ehemalige Kloster wurde im Jahre 822 als Benediktinerabtei gegründet und hatte maßgeblichen Einfluss auf die politischen und religiösen Entwicklungen weiter Teile Europas. Mehr als 70.000 Bände beherbergt die Fürstliche Bibliothek, Hoffmann von Fallersleben, der Dichter des Deutschlandliedes, war hier einst als Bibliothekar tätig. Seit 2014 gehört die ehemalige Klosteranlage zum UNESCO-Weltkulturerbe. Es ist als Baudenkmal, Museum und Veranstaltungsort kultureller Mittelpunkt der Region.

Nun begebe ich mich wieder auf den Radweg, mache ein paar Bilder von der sich im Wasser spiegelnden Kirche von Lüchtringen und wechsele dann über eine Brücke auf die andere Weserseite. Ein Schild an einer Scheune besagt, dass mein avisiertes Hotel nur zehn Minuten vom Weg entfernt liegt. Um 16:00 Uhr betrete ich niedersächsischen Boden, Holzminden, bekannt als Stadt der Düfte und Aromen, ist erreicht. Direkt am Stadteingang kommt mir ein Gebäude, das jetzt als Hotel fungiert, aufgrund des Turmes bekannt vor. Ich frage einen Einheimischen und er bestätigt, dass es sich um die ehemalige Jugendherberge handelt, hier haben wir früher gewohnt und von hier aus die Gegend kennen gelernt, so sind wir u. a. auf den mit 503 Meter höchsten Berg des Weserberglandes gestiegen, auf den Köterberg. Natürlich wurde uns auch das Weserlied gelehrt:

„Hier hab´ ich so manches liebe Mal
  Mit meiner Laute gesessen,
  Hinunterblickend ins weite Tal
  Mein selbst und der Welt vergessen.
  Und um mich klang es so froh und hehr
  Und über mir tagt es so helle,
  Und unten brauste das ferne Wehr
Und der Weser blitzende Welle.

Wie liebender Sang aus geliebtem Mund,
So flüstert es rings durch die Bäume.
Und aus des Tales off´nem Grund
Begrüßten mich nickende Träume.
Und um mich klang es so froh und hehr
Und über mir tagt es so helle.
Und unten brauste das ferne Wehr
Und der Weser blitzende Welle.“

Am Markt und am Reichspräsidentenhaus vorbei denke ich, das Hotel gleich erreicht zu haben, aber weit gefehlt: die Angabe 10 Minuten bezieht sich auf Radwanderer, nicht aber auf Fußgänger, ich brauche noch etwa eine halbe Stunde und kann dann im Hotel „Hellers Krug“ einchecken. Hier verbringe ich auch den Abend und probiere das in dieser Gegend gebraute Allersheimer Bier. In dieser von Corona beherrschten Zeit präsentieren die Kellner/innen nur eine reduzierte Speisekarte, aber es hat mir an nichts gefehlt und das Ausfüllen meiner persönlichen Daten zu Beginn der Mahlzeit bin ich ja schon gewöhnt. Heute hat mir das Wetter nicht so gut gefallen, es war windig aber meistens trocken und die Sonne zeigte sich nur ab und zu. Und nun merke ich auch meine Füße und Gelenke, das Wandern auf harten Teerstraßen ist halt kein Zuckerschlecken.


23.05.2020 von Holzminden nach Polle 21 km

Heute lasse ich es gemütlich angehen, denn das Tagespensum ist gut zu schaffen. Nach etwa 30 Minuten habe ich den Weser-Radweg erreicht und beschließe, einen Abstecher nach Bevern zu machen, es ist nur ein kleiner Umweg von ein paar Kilometern. Auch 1963 waren wir in diesem Ort gewesen und hatten uns das Schloss angesehen. Die Anlage, eine der bedeutendsten der Weserrenaissance, wurde Anfang des 17. Jahrhunderts von Statius von Münchhausen errichtet. Heute fungiert das historische Bauwerk als Kulturzentrum.

Nach kurzer Erfrischungspause geht es weiter und eine halbe Stunde später habe ich den ursprünglichen Radweg auch wieder erreicht. Heute scheinen nicht so viele Radler unterwegs zu sein, es ist sonnig aber kühl, also perfektes Wanderwetter. Nachdem ich am Ortsausgang von Forst vorbei bin ist nach kurzer Zeit das Dorf Heinsen in Sicht. Hier hätte ich mit einer Fähre übersetzen können, entscheide aber, bis Polle weiterzugehen. Die Burgruine, auf der wir 1963 natürlich auch herumgetobt haben, ist weithin sichtbar. Auf der Fähre erkundige ich mich nach Übernachtungsmöglichkeiten, aber der Fährmann hat nur eine Empfehlung für den Ort Heinsen – und das bedeutet zweieinhalb Kilometer zurück – und das passt mir überhaupt nicht. Ein Hotel in Polle hat noch geschlossen, denn in Niedersachsen dürfen Gäste erst wieder ab dem 25.05. beherbergt werden. Was ist zu tun? Ich schlendere durch den Ort, frage nach Möglichkeiten und habe großes Glück, in der Pension Hesse bin ich willkommen. Glücklich schaue ich mir mein sehr preiswertes Zimmer an, ein Fernseher ist im Raum nicht vorhanden (wann habe ich das zum letzten Mal erlebt?), aber es stört mich nicht, auch nicht, dass für eine Nacht nur eine Etagendusche und –toilette zur Verfügung steht. Dafür aber Getränke und Frühstück. Imbissbetriebe und Restaurants haben noch geschlossen, also gehe ich zum Supermarkt und kaufe dort mein Abendessen: Brot, Obst und Salami.

Am späteren Nachmittag verfolge ich auf meinem Handy die Bundesliga und verbringe den Rest des Tages mit Lesen. Telefonisch versuche ich, für die nächste Nacht eine Unterkunft in Bodenwerder zu buchen, habe aber, aus bekanntem Grund, keinen Erfolg, den habe ich dann aber im etwas weiter entfernten Ort Hehlen. Dachte ich zunächst, einziger Gast im Hause Hesse zu sein, so höre ich doch Stimmen aus dem Nebenzimmer. Jeweils zwei Motorradfahrer aus der Hamburger und Augsburger Gegend halten sich ebenfalls in dieser Pension auf. Die Norddeutschen wollen zum Abendessen nach Heinsen fahren, dort, so wurde ihnen gesagt, habe ein Lokal geöffnet.


24.05.2020 von Polle nach Hehlen 24,1 km


Nach einem guten Frühstück, das ich in dieser Üppigkeit gar nicht erwartet hätte, gehe ich zur Fähre. Den Rest des Abendbrots stecke ich vorsorglich als Wegeszehrung ein. Doch heute ist Sonntag und die Fähre startet statt gewöhnlich um neun Uhr erst eine Stunde später. Was ist zu tun? Ich gehe am Campingplatz vorbei und werde dann von einer Frau aufmerksam gemacht, dass dies kein Durchgang ist und mir dieser Weg auch nicht weiterhilft. Natürlich hatte ich das Verbotsschild gesehen, aber man kann es ja mal versuchen. Die Alternative, diesseitig an der Bundesstraße, versage ich mir, außerdem soll ein Teil der Strecke auch gesperrt sein. Also abwarten. Kurz vor zehn Uhr startet der Fährmann. Heute bin ich gut in Form und wandere strammen Schrittes den Weser-Radweg entlang. In Grave sehe ich, dass die Fähre hier noch nicht im Dienst ist, gut, dass ich nicht auf der gegenüberliegenden Seite unterwegs bin. Vormittags ist es recht kühl, aber angenehm zu gehen, nur vereinzelt sehe ich Radfahrer auf diesem Weg.

Der Ort Dölme strahlt sonntägliche Ruhe aus. Manchmal begegnen mir Rollschuhläufer. In Rühle wandere ich auf der Promenade genau am Fluss entlang und dann, nachdem ich durch einen Campingplatz gegangen bin, ist auch schon Bodenwerder in Sicht. Aber es dauert noch, bis ich die Altstadt erreiche. Erstmal muss die "nicht so interessante" Vorstadt bewältigt werden, so geht es an einem "nicht so interessanten" Gipswerk entlang. Nun noch über die Weserbrücke und schon ist das Zentrum erreicht.

Die Kleinstadt ist Geburtsort und langjähriger Wohnsitz von Hieronymus Karl Friedrich Freiherr von Münchhausen. Er wurde hier im Jahre 1720 geboren und seit 2013 darf der amtliche Namenszusatz „Münchhausenstadt“ verwendet werden. Auch Bodenwerder hatten wir 1963 besucht und natürlich auch das Münchhausenmuseum besichtigt. Später bin ich noch ein paar Male hier gewesen, so dass ich heute keine Lust verspüre, mir noch einmal die Akten, Urkunden und Dokumente des Lügenbarons und Illustrationen über sein Leben anzusehen. Aber ein Bild vom Münchhausenhaus und –brunnen, wo der Freiherr auf einem halben Pferd sitzt, darf natürlich nicht fehlen. Anschließend trinke ich auf dem Marktplatz im Schatten der S. Nicolai-Kirche ein paar Gläser Apfelschorle und einen Espresso. Es ist kühl geworden.

Danach habe ich ein paar Orientierungsprobleme, ich kann ein Schild, das auf den Radweg hinweist, nicht finden. Also auf der Hauptstraße weiter, gut, dass sich der Autoverkehr in Grenzen hält. Dann, endlich, ist Hehlen erreicht. Gleich am Ortseingang kann ich den Schriftzug des „Roadhouse“ erkennen und freue mich schon auf ein warmes Abendessen im angegliederten „Schnitzelhouse“. Doch mein Hotelier, der erst nach einem Telefonat öffnet, erklärt, dass die Gastronomie noch geschlossen sei und auch morgen kein Frühstück serviert wird. Aber eventuell hätte der Bahnhofimbiss oder ein anderes Lokal geöffnet. So lege ich mein Gepäck ab und erkunde die Gegend. Auch in diesem Ort gibt es ein Weserrenaissanceschloss, es wurde Ende des 16. Jahrhunderts errichtet. Da beim Bahnhofimbiss vorbestellt werden muss, gehe ich ein paar Schritte weiter und finde die zum Schloss gehörende „Kaffeewirtschaft“. Es ist kein Problem, für abends einen Tisch zu reservieren. Zurück im Hotel sehe ich fern und lese etwas, draußen regnet es. Später gehe ich zum Restaurant und bestelle Kalbsschnitzel mit Kartoffelsalat. Es schmeckt ganz ordentlich, ist aber nach meiner Empfindung überteuert. Aber vielleicht ist der Preis ja auch der Pandemie geschuldet und wichtig, um eine Schließung zu verhindern. Jedenfalls habe ich mich, nach dem eher kargen Abendbrot von gestern, hier sehr wohl gefühlt.


25.05.2020 von Hehlen nach Hameln 21,9 km


Gut, dass ich meine Brote von gestern noch habe, so muss ich wenigstens nicht auf nüchternen Magen den Marsch beginnen. Gleich beim Ortsausgang gehe ich über die Weserbrücke nach Daspe und dann ist der ursprüngliche Radweg wieder erreicht. Um Punkt 8:20 Uhr verlasse ich den Landkreis Holzminden und bin nunmehr im Landkreis Hameln-Pyrmont. Der Radfahrer vor ein paar Tagen hatte mir ja abgeraten, diese heutige Strecke zu gehen – und ganz unrecht hat er nicht. Gut 90 Minuten stehen die beiden Atommeiler von Grohnde im Fokus, außerdem muss ich heute gegen einen Wind ankämpfen, gestern war es umgekehrt. Ein paar Schnecken liegen auf dem Teer. Über Latferde geht es nach Hagenohsen, auch heute bin ich meistens allein auf weiter Flur. In Tündern steht eine alte Windmühle direkt am Weg, ich fotografiere sie, damit Wilfried sie in seine Bildersammlung aufnehmen kann. Später werde ich erfahren, dass er schon hier gewesen ist und natürlich ein Foto bereits sein eigen nennt. In dieser Gegend ist viel Industrie angesiedelt, hier wird Sand oder Kies abgebaut. Und etwa in diesem Moment entschließe ich mich, die Wanderung auf dem Weser-Radweg in Hameln zu beenden und die restliche Weserberglandstrecke bis Porta Westfalica auf richtigen Wanderwegen fortzusetzen.

An der Tünderschen Warte und dem Haus des Rudervereins vorbei erreiche ich ein paar Minuten später eine Rampe zur Hafenbrücke und dann ist es nicht mehr weit bis zur Altstadt von Hameln. Am Markt beeindrucken mich das wieder einmal im Stil der Weserrenaissance gebaute Hochzeitshaus, ein mächtiger Festsaalbau, und die Marktkirche. Später fotografiere ich noch eine Statue des Rattenfängers. Der Sage nach wurde Hameln im Jahre 1284 von einer Rattenplage heimgesucht. Man bemühte einen Rattenfänger, der die possierlichen Tierchen mit seiner Musik an die Weser führte und sie dort versenkte, verweigerte ihm aber den Lohn. So kam er später zurück und lockte mit seinem feinen Flötenspiel Mädchen und Jungen aus der Stadt heraus – und sie wurden nie mehr gesehen.

Auf dem Weg zum Bahnhof komme ich an der Touristinformation vorbei und versorge mich mit Material über den Wanderweg. Der Zug fährt pünktlich los, müde setze ich meinen Mundschutz auf und sinke in den Sessel. Die erste Etappe ist geschafft.

 
ZWEITE ETAPPE: VON HAMELN BIS PORTA WESTFALICA

04.06.2020 von Hameln nach Rohdental 31,8 km


Angereist war ich bereits am Tag vorher. So habe ich noch einmal Gelegenheit, die Hamelner Altstadt mit ihren Weserrenaissance- und Fachwerkhäusern zu erleben, durch kleine pittoreske Gassen zu gehen und das Ganze auf mich einwirken zu lassen. Zeit genug habe ich, hätte Corona nicht seine schwarzen Schatten ausgebreitet, wäre ich jetzt auf Spitzbergen. Gegen Abend klettert das Thermometer auf über 25 Grad und so suche ich mir draußen vor der ältesten Gaststätte der Stadt, dem Rattenkrug, einen lauschigen Platz und bestelle mir Wildsülze, die heute im Angebot steht. Mein Blick schweift über die Straße und dann erkenne ich gegenüber im Fachwerk den sinnigen Spruch: „Zwei Lebensstützen brechen nie – Gebet und Arbeit heißen sie“. Auf dem Pflaster des Bürgersteigs sieht man zahlreiche kleine Ratten, das Rattenfängerhaus wird gerade renoviert. Ein paar Skulpturen wurden der Stadt gespendet, so u. a. das „Tanzende Paar“ und „die Neugierige“. Vor der Marktkirche St. Nicolai erinnert ein kleines Denkmal an die Öffnung des Eisernen Vorhangs. Dann wird es Zeit für´s Bett und so gehe ich ins zentral gelegene „Hotel zur Börse“, denn ein anstrengender Tag liegt vor mir.

Nach dem Frühstück warte ich einen Moment, dass der Regen aufhört, das Wetter hat total umgeschlagen, es ist kühl geworden. Mit dem Bus Nr. 1 fahre ich zum Ortsteil Rohrsen, denn hier entlang führt der Weserbergland-Weg, der den hier wohnenden Menschen aber nicht bekannt zu sein scheint. Wen ich auch frage, niemand kann mir eine Antwort geben und mehr zufällig entdecke ich dann das aus einem „X“ und „W“ entwickelte Logo oder Emblem. Auf 225 Kilometern führt dieser Qualitätsweg in 13 Etappen von Hann. Münden nach Porta Westfalica durch das gesamte Weserbergland. Selbstverständlich steht auch eine entsprechende App zur Verfügung. Bei meiner heutigen Wanderung bis Rohdental handelt es sich bereits um die elfte Etappe dieses Weges.

Beschwingt starte ich, doch nach kurzer Zeit, an einer Kreuzung, sind diverse Hinweisschilder angebracht, aber nicht meins. Ein Spaziergänger empfiehlt mir, doch den Radweg bis Holtensen zu nehmen und ich befolge seinen Rat. Dann öffnet Petrus sämtliche Schleusen und kein Dach ist in Sicht. Bevor ich mein Regencape aus dem Rucksack geholt habe, bin ich schon total durchgeregnet und habe keinen trockenen Faden mehr am Leibe. Auf der Karte erkenne ich, dass der Wanderweg zwischen Holtensen und Unsen verläuft, doch ich sehe kein Emblem und gehe weiter nach Welliehausen. Und hier habe ich Glück, der Süntelturm, der direkt an der Strecke liegt, ist ausgeschildert. Nun geht es nur noch bergauf und eine halbe Stunde später erkenne ich das Logo und werde den Weserbergland-Weg heute nicht mehr verlassen.

Auf einem Süntel-Kamm, der Hohen Egge, wurde der steinerne Süntelturm errichtet. Mittlerweile hängen die Wolken so tief, dass die Turmspitze fast nicht zu erkennen ist. Glücklicherweise hat die Gaststätte geöffnet und die Wirtin wundert sich, dass sich heute und bei dieser Witterung überhaupt jemand hierhin verirrt hat. Glücklich bestelle ich eine Flasche Wasser.

Es hat aufgehört zu regnen, aber Nebelschwaden verhindern eine weite Sicht. Schade, denn am nächsten Ziel, den Hohenstein-Klippen, hätte man einen wunderbaren Blick auf die Umgebung gehabt. Die über 340 Meter hohen Felsen gehören zu den westlichen Bergen des Süntel, also einem Teil des Weserberglandes. Sie bilden ein Hochplateau, das 40 Meter steil abfällt. Einige Klippen haben sogar einen Namen und von der „Teufelskanzel“ versuche ich ein paar Bilder aufzunehmen. Das Gebiet steht unter Naturschutz. Es erstaunt mich, zwei Wanderinnen und später einem einsamen Wanderer zu begegnen. Durch den Regen ist der Waldbogen sehr glitschig geworden und manchmal habe ich dadurch kleine Probleme beim Auf- oder Abstieg. Es fällt auf, dass zahlreiche Bäume umgestürzt sind, oftmals blockieren sie den Wanderweg. In Langenfeld verlasse ich die Route, um einen Wasserfall anzusehen, es soll sich um den einzigen natürlichen in Niedersachsen handeln, 15 Meter hoch. Doch dann, an einem Aussichtspunkt angekommen, kann ich ihn nur hören. Dichtes Blattwerk der Bäume verhindert ein Ansehen. Nun ist es nicht mehr weit und das Ziel, die „Weinschänke Rohdental“, meine nächste Bleibe, ist in Sichtweite. Hier verbringe ich auch den restlichen Abend. Neben der Anlage ist eine alte Wassermühle zu besichtigen. Laut Broschüre des Weserbergland-Weges führte meine heutige Route 810 Höhenmeter hinauf und 760 hinunter, laut meiner Komoot–App ging es rd. 1,8 Kilometer bergauf und 1,75 bergab – das muss ich noch mal hinterfragen.


05.06.2020 von Rohdental nach Rinteln 19 km


Die Sonne scheint vom Himmel, nun noch ein kleiner Aufstieg und schon ist der Weserbergland-Weg wieder erreicht. Zunächst geht es nur bergauf, einmal, bei einer relativ steilen Stelle, verliere ich den Halt und rutsche ein paar Meter hinunter, der gestrige Regen hat den Weg aufgeweicht und manchmal ist doch eine gewisse Vorsicht geboten. In dieser Situation erweist sich das Mitschleppen des Rucksacks als sehr lästig, dabei wird in der Broschüre ein Gepäck-Transfer von Hotel zu Hotel angeboten. Hin und wieder finden sich auf einem Podest Noten und Liedertexte, so zum Beispiel von „Es blies ein Jäger wohl in sein Horn“. Dann ist die Paschenburg erreicht, ein im Jahre 1842 erbautes Steinhaus, heute als Restaurant ein beliebtes Ausflugsziel. In früheren Jahren war ich ein paar Male hier. Ein Aussichtspunkt bietet erstklassige Blicke auf die Umgebung, so auch auf die Schaumburg, die wir auch schon öfter besucht hatten. Beim Verwandtenbesuch in Hohenrode hatten wir immer einen feinen Blick auf beide Burgen.

Heute freue ich mich über herrliches Wanderwetter, es ist zwar etwas kühl, aber trocken und sonnig. Die Springsteine in der Nähe von Deckbergen sind mein nächstes Ziel. Einer Hinweistafel entnehme ich, dass sie, wie auch der Hohenstein und der Ith, aus Korallenoolith, einer harten Kalksteinschicht, die aus Korallen und Muschelschalen in einem urzeitlichen Meer entstand, besteht. Man meint, dass der Name „Springsteine“ aus einer Zeit stammt, als der Kamm noch dünner bewaldet war. Damals hatte man den Eindruck, als würden die Klippen am Berg hervorspringen.

Dann muss ich wohl ein Logo übersehen, denn ich komme eine kurze Strecke vom rechten Weg ab und wandere durch den Ort Steinbergen. Auf einer Weide grasen braune Kühe mit großen Hörnern, es soll sich um „Highland-Cattle“ handeln, wie ich einem Schild entnehme – und dann sehe ich auch wieder das begehrte Hinweiszeichen auf den Wanderweg. Eine kleine Pause lege ich auf dem bewaldeten Berg „Luhdener Klippe“ ein, drei Radwanderer haben es sich hier ebenfalls gemütlich gemacht und die Gaststätte im Klippenturm ist ebenfalls geöffnet. Wegen Corona darf der knapp 20 Meter hohe Aussichtsturm nicht bestiegen werden.

Nun geht es nur noch bergab, hin und wieder begegne ich ein paar Menschen, die ihren Hund ausführen. Dann erkenne ich die ersten Dächer von Rinteln, doch bis zur Altstadt sind noch ein paar Kilometer zu bewältigen. Es ist eine eher langweilige Strecke. Doch dann sehe ich die große Weserbrücke und erblicke auch schon meine Unterkunft, das „Hotel Brückentor“, direkt am Fluss gelegen. Dicke Wolken sind aufgezogen und kurz nach dem Einchecken höre ich die ersten Regentropfen. Mich stört es nicht so sehr. Heute ging es es 560 Meter hinauf und 515 Meter bergab, meine App hat zwischenzeitlich den Dienst eingestellt, warum, weiß ich nicht.
Nach einer kurzen Erfrischungspause bitte ich an der Rezeption um einen Regenschirm und gehe in die nahe gelegene Altstadt. Hier, in der ehemaligen Universitäts- und Festungsstadt, freut sich der Gast über enge Gassen und fachwerkbunte Häuser, über malerische Winkel und Häuser der Weserrenaissance, wie das frühere Rathaus von 1583. Der historische Marktplatz besticht durch ein Ensemble restaurierter Fachwerkhäuser aus dem 13. Jahrhundert. Absoluter Blickfang ist das weithin sichtbare Wahrzeichen von Rinteln, der um 1795 errichtete spätbarocke Turm von St. Nikolai. Die dreischiffige Hallenkirche wurde bereits im 13. Jahrhundert erwähnt.

Nachdem ich mir noch die katholische Kirche St. Sturmius am Alten Hafen und das Bürgerhaus angesehen habe, lege ich eine Pause beim „Marktwirt“ ein. Zum Abendessen gehe ich in ein italienisches Restaurant neben meinem Hotel, aber dank Corona bin ich ab 20:30 Uhr einziger Gast und beende den Abend. Gern hätte ich hier noch ein Stündchen gesessen, mit direktem Blick auf die Weser und auf einen künstlich angelegten Strand.


06.06.2020 von Rinteln nach Porta Westfalica 17,4 km


Heute ist für den frühen Nachmittag Regen angesagt, also gehe ich um 8:00 Uhr los, um trockenen Fußes den Zug zu erreichen. Den erneuten Weg durch die Vorstadt und auf den Berg hinauf versage ich mir und wandere in östlicher Richtung am Doktorsee vorbei nach Eisbergen. Hier wird mit einer Melkerin-Statue die schwere frühere Arbeit der jungen Frauen gewürdigt. Eine Land- oder Wanderkarte brauche ich nicht mehr, habe ich doch meistens das Kaiser-Wilhelm-Denkmal im Fokus, auf der anderen Weserseite liegt der Ortsteil Hausberge – und das ist mein heutiges Ziel, denn dort befindet sich der Bahnhof von Porta Westfalica.

Einige Männer haben mit der Kirschenernte begonnen. Auf kleinen Wegen geht es vorwärts, lange Zeit am Südhang eines Berges entlang. Hinter Lohfeld führt der Weg durch einen schattigen Wald und ab dem Ortsbeginn Hausberge nur noch bergab. Plötzlich beginnt es zu regnen und ich suche Schutz in einem Carport. Nach kurzer Zeit setze ich den Weg fort, und schon wieder setzt Regen ein, nun warte ich bei einer Tankstelle und trinke etwas. Nachdem ich linkerhand die Kirche hinter mir gelassen habe, ist die Weserbrücke in Sicht, auf dem Berg vor mir das bereits erwähnte Denkmal am Hang des Wittekindsberges. Gewidmet wurde es Kaiser Wilhelm I., dem ersten Kaiser eines geeinten Deutschen Reiches. Gerade, als ich ein Foto von der Weser machen möchte, von der Stelle, wo sie sich durch das Gebirge quält und nur noch die Norddeutsche Tiefebene vor sich hat, setzt ein Sturzregen ein, binnen weniger Sekunden bin ich komplett durchnässt. Aber das Foto von der Porta Westfalica, der Westfälischen Pforte, darf natürlich nicht fehlen.

Nun sind es nur noch ein paar hundert Meter bis zum Bahnhof. Ich eile zum Wartehäuschen, reiße mir die nassen Klamotten vom Körper und ziehe ein trockenes Hemd an. Kurze Zeit später sehe ich schon den Zug heranfahren. Zufrieden suche ich mir einen Platz und denke noch einmal über die letzten Tage nach. Was habe ich nicht alles erleben dürfen, idyllische Wege, riesige Wälder, romantische Dörfer und Märchenschlösser. Morgen werde ich meinem geschundenen Körper eine seriöse Thaimassage gönnen.

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