Bilder
im Feinkostladen

im Feinkostladen

auf dem Friedhof

auf dem Friedhof

Pferdebändiger auf der Anitschkowbrücke

Pferdebändiger auf der Anitschkowbrücke

im Fabergé-Museum

im Fabergé-Museum

im Michailowskij-Theater

im Michailowskij-Theater

Heiligblut- oder Erlöserkirche

Heiligblut- oder Erlöserkirche

Schlossplatz mit Winterpalast und Alexandersäule

Schlossplatz mit Winterpalast und Alexandersäule

Generalstabsgebäude

Generalstabsgebäude

Isaakskathedrale

Isaakskathedrale

in der Kathedrale

in der Kathedrale

Kunstkammer an der Newa

Kunstkammer an der Newa

Gran Maket "Rossija"

Gran Maket "Rossija"

Wohnung von Dowlatow

Wohnung von Dowlatow

Lachta-Zentrum

Lachta-Zentrum

Nikolai Marinekathedrale

Nikolai Marinekathedrale

Sankt Petersburg

Erinnerung an eine nachdenklich stimmende Reise im Oktober 2021

Die Einreise gestaltet sich als problemlos, nur das WLAN bereitet mir Schwierigkeiten. Eine freundliche Mitarbeiterin in einer Cafeteria ist mir behilflich und so kann ich endlich Tatiana telefonisch erreichen. Sie holt mich kurze Zeit später ab und mit dem Taxi fahren wir zum Hotel „Moscow“ oder „Moskwa“. Gut eine Stunde dauert die Fahrt – und kostet genauso viel wie der morgendliche Transport vom Airporthotel B & B zum Düsseldorfer Flughafen. Und das waren drei Kilometer. Heute bin ich zum sechsten Mal in der für mich schönsten russischen Stadt und das Hotel kenne ich von früheren Besuchen. Es liegt am Ende des Newski-Prospekts an der Newa und in der Nachbarschaft des Alexander-Newski-Klosters. Genau 160 Zimmer zähle ich auf meiner Etage.

Nach kurzer Pause machen wir uns auf den Weg, es regnet und das Thermometer zeigt drei Grad an. Angeblich entspricht der heutige Niederschlag der Menge eines halben Monats. Mit dem Taxi fahren wir zum Jelissejew-Feinkostladen. Immer wieder müssen wir vor einer Ampel halten oder stehen im Stau. Tatiana, wir haben uns 2008 kennen gelernt, hat eine spezielle App und weiß den Preis und die Ankunftszeit des Autos bereits bei der Bestellung. Unter den Klängen eines elektrischen Klaviers, der Pianist hat wohl seinen freien Tag, erkunden wir den Gourmettempel, der in meinem Reiseführer als „schönstes Lebensmittelgeschäft der Welt“ bezeichnet wird. Meine Begleiterin informiert mich, dass die angegebenen Preise nicht für ein Kilogramm, sondern für 100 Gramm ausgelegt sind. Ursprünglich 1812 eröffnet, befindet sich das Geschäft seit Anfang des 20. Jahrhunderts an dieser Adresse in einem prächtigen Jugendstilhaus. In mächtigen Auslagen und Frischetheken werden die Delikatessen, wie Fleisch, Kaviar, Käse und Backwaren, angeboten – aber es kostet halt. So fahren wir lieber zum gemütlichen Restaurant „Gosti“ im Zentrum und speisen dort.

Tatiana ist sehr nachdenklich, sie arbeitet als Stadtführerin für deutschsprachige Gäste, hat aber pandemiebedingt seit 18 Monaten keine Kunden mehr, und die nahe Zukunft scheint nicht besser zu werden. Russland verzeichnet eine sehr niedrige Impfquote, das heimische Vakzin „Sputnik V“ hat sich bei der Bevölkerung noch nicht durchgesetzt und die Maskenpflicht wird sehr großzügig ausgelegt. Auch später im Hotel merke ich, dass nur sehr wenige Ausländer unterwegs sind, der Bierkeller schließt um 23:00 Uhr und die Skybar um 2:00 Uhr nachts. Vor Corona war sie durchgängig geöffnet, wenn ich da an frühere Besuche denke …Immer wieder hörte man deutsche, englische, französische oder andere Sprachfetzten, in dieser Woche bin ich häufig der einzige Gast.

Am nächsten Morgen fahren wir gemeinsam zum Piskarjowskoe-Gedenkfriedhof und sehen dabei den Panzerkreuzer „Aurora“, von dem bekanntlich die Revolution eingeleitet wurde. Zunächst schauen wir uns ein Video und Bilder des grausamen Verbrechens in einer Gedenkhalle an. In riesigen und endlos erscheinenden Gräberfeldern ruhen rund 420.000 zivile Leichen, die während der etwa 28 Monate dauernden Leningrad-Blockade verhungert oder erfroren sind, außerdem 70.000 Rotarmisten, die bei der Verteidigung der Stadt ihr Leben ließen. Auch Putins Bruder soll hier beigesetzt sein. Insgesamt fanden über 1,1 Millionen Zivilisten während dieses Kriegsverbrechens den Tod. Im Jahre 1978, bei meinem ersten Besuch der Stadt, wurde uns erklärt, dass die rote Farbe der Blumen das Blutvergießen symbolisieren soll. Auf einem Stein lesen wir, in welchem Jahr das Gräberfeld angelegt wurde und ob es sich um zivile Opfer (Hammer und Sichel) oder um Soldaten (Stern) handelt. An der Ewigen Flamme vorbei gehen wir zur Bronzestatue der trauernden Mutter Heimat. Danach fahren wir bedrückt zurück ins Zentrum. In der Ferne erkenne ich kurz vor der Ankunft das Smolnij-Kloster. An den Tankstellen wundere ich mich: der Sprit kostet umgerechnet 50 Cent (Super) und ist somit in Piter, wie die Stadt auch von den Einheimischen genannt wird, mehr als einen Euro günstiger als in Deutschland

Glücklicherweise haben sich einige Wolken verzogen und so dann und wann zeigt sich uns die Sonne. Wir sehen uns das Loft Projekt Etagi an, ein Pionier im Dachbodendesign, und steigen dann aufs Dach, um einen Blick auf einen Teil der mit rund fünf Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt Russlands zu werfen. Ganz in der Nähe schauen wir uns ein paar der hier anzutreffenden Brunnenhöfe an. Versteckte Plätze, die von Hochhäusern umgeben sind und gern als Parkplatz genutzt werden. Das Fabergé Museum ist unser nächstes Ziel. Es liegt in der Nähe der Anitschkowbrücke, die den Fluss Fontanka überspannt und wegen der vier bronzenen Rossebändiger ein beliebtes Fotomotiv darstellt. Und dann ist das Museum im historischen Schuwalow-Palais erreicht.

Es wurde 2013 vom russischen Multimillionär und Oligarchen Wiktor Wekselberg gegründet. Mehr als 4.000 Exponate sind hier ausgestellt, Bronzen, Porzellan, Goldschmiedearbeiten und Gemälde. 1885 fertigte der Juwelier Karl Fabergé im Auftrag von Alexander III. erstmals ein Ei, es begeisterte die Romanows derart, dass die Zarenfamilie bis 1916 50 Eier in Auftrag gab und der Künstler zum Kaiserlichen Hofjuwelier ernannt wurde. Nach der Revolution wurden viele Kunstschätze des Zaren zur Devisenbeschaffung ins Ausland verkauft und der Energie und dem Engagement Wekselbergs ist es zu verdanken, dass sich nunmehr neun Eier und andere Schätze wieder in Sankt Petersburg befinden. Das Krönungsei, das Nikolaus II. seiner Frau anlässlich seiner Thronbesteigung schenkte, wird auf über 24 Millionen Dollar taxiert. Gemächlich schlendern wir durch die festlichen Räume und Tatiana kann mir zu jedem Ei eine Geschichte erzählen. Im Restaurant „Aubergine“ werden wir die nächste Stunde verbringen, für mich gibt es Bortsch, der hier traditionell mit Roter Bete, Weißkohl und Rindfleisch serviert wird, und Pelmeni, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen. Tatiana erklärt mir, dass der Tourismus nur einen Anteil von vier Prozent des Wirtschaftserlöses der Stadt einnimmt, wichtiger sind die Schwer- und Lebensmittelindustrie, die vier Werften, Chemie und das Baugewerbe.

Und dann beginnt der schönste Teil des Tages, wenn nicht sogar der gesamten Reise: Wir gehen zum Michailowskij-Theater und schauen uns Tschaikowskis Ballett „Dornröschen“ an. Rechtzeitig angekommen, haben wir noch Zeit für ein Glas Wein und bestellen auf Empfehlung der freundlichen Kellnerin für die Pause einen Tisch im Barbereich. Da wir noch nicht zu Abend gegessen haben ordern wir auch ein Kaviarbrot, wenn man schon mal im neben dem Mariinskij-Theater bedeutendsten Opernhaus der Stadt ist …
Bei der edlen Innenausstattung wurde nicht gespart, auch hier gibt es eine Zarenloge. Von der Aufführung bin ich begeistert, besonders die auf Zehenspitzen tanzenden Ballerinen fesseln meine Aufmerksamkeit. Ein unvergessliches Erlebnis, zum Schluss sind etliche Vorhänge nötig, bis sich die Gäste auf den Weg machen.

Nach einem guten Hotelfrühstück bin ich zunächst alleine unterwegs, fahre mit dem Bus ein paar Stationen bis zur Fontanka und gehe dann langsam den Newskij-Prospekt hinunter, komme an der Kasaner Kathedrale vorbei und freue mich, wieder einmal einen Blick auf die Erlöserkirche am Gribojedowkanal werfen zu können. Dieses Gotteshaus, auch Heiligblut-, Auferstehungs- oder Bluterlöserkirche genannt, wird gern mit der Moskauer Basiliuskathedrale verglichen. Es wurde dort errichtet, wo Zar Alexander II. im Jahre 1881 einem Attentat zum Opfer gefallen war. Der Innenraum ist eine Augenweide schlechthin, Mosaiken über eine Fläche von 400 Quadratmetern strahlen einen in allen Farben an, die Stelle des Attentats wird von einem Baldachin aus schönen Quarzsteinen markiert. Reguläre Gottesdienste finden hier nicht statt, heute beherbergt die Kirche das Museum für Mosaikkunst.

Nun ist es nicht mehr weit bis zur Petrikirche. Bis zum Beginn des ersten Weltkriegs war sie geistiges und kulturelles Zentrum der etwa 43.000 Personen zählenden deutschen Gemeinde. Im Jahre 1937 wurde die Kirche auf Befehl Stalins geschlossen und die Pastoren wurden erschossen. Ab 1962 diente das Gebäude als Schwimmbad und seit 1993 gehört es wieder der lutherischen Gemeinde.

Und dann erreiche ich die „gute Stube“ Petersburgs, nämlich den Schlossplatz. Mit einer Fläche von etwa 80.000 Quadratmetern ist er mehr als dreimal größer als der Rote Platz in Moskau. Hier wird man Zeuge von Glanz und Größe der frühern Zaren-Hauptstadt. Das Miteinander von Winterpalast und Generalstabsgebäude ist einmalig. Der Winterpalast, in dem sich die weltbekannte Eremitage befindet, wurde von Rastrelli, der auch das Smolnijkloster erschaffen hat, gebaut. Das 250 Meter lange Gebäude beinhaltet rund 1.500 Säle und 117 Treppenaufgänge. In der Eremitage, einem der weltweit bedeutendsten Kunstmuseen mit etwa drei Millionen Ausstellungsstücken in ihrer Sammlung, werden sogar an die 50 Katzen gehalten, damit die Mäuseplage nicht zum Problem wird.

In der Mitte des Platzes erhebt sich die Alexandersäule. Sie wurde nach dem Sieg Russlands gegen das napoleonische Frankreich aufgestellt, benannt nach Zar Alexander I., der das Russische Kaiserreich von 1801 bis zu seinem Tod 1825 regierte. Angeblich wurde angeordnet, den Zement mit Wodka zu mischen, damit der 47,5 Meter hohe Granit-Monolith dem Frost strotzen kann.

An der Südseite, gegenüber dem Winterpalast, sieht man das Generalstabsgebäude. In der Mitte wird das 600 Meter lange und halbrunde Bauwerk durch einen Triumphbogen aufgebrochen. Im Torbogen erkennt man Darstellungen vom Sieg über Napoleon, oben die Siegesgöttin im Wagen, der von sechs Pferden gezogen wird. In einem Flügel werden seit einigen Jahren Kostbarkeiten der Eremitage ausgestellt. Morgen werden wir sie uns anschauen.

Sankt Petersburgs führende Rolle in der Seefahrt wird durch die Admiralität verkörpert. Dieser imposante Bau mit seinem Turm und der goldenen Spitze, der goldenen Nadel, einem Wahrzeichen der Stadt, mit seiner 406 Meter langen Fassade, beherbergt heute eine Marineschule, ursprünglich wurde er als befestigte Werft gebaut.

Mein nächstes Ziel, die Isaakskathedrale, ist schnell erreicht, sie erinnert wegen der kolossalen Kuppel an den Petersdom in Rom. 40 Jahre dauerte es, bis der größte Sakralbau der Stadt fertig gestellt wurde. Für das riesige Gebäude mussten 24.000 Pfähle in den sumpfigen Boden gerammt werden. Das Dach und die Kuppel werden von 112 Granitsäulen getragen. Es soll sich um Russlands eindrucksvollstes Gotteshaus handeln, in dem etwa 14.000 Menschen Platz finden. Ehrfürchtig betrete ich das Gebäude und bin, wieder einmal, geblendet ob der erlesenen Materialien: mehr als eine halbe Tonne Gold wurde innen und außen verarbeitet, außerdem u. a. Marmor, Malachit und Lapislazuli, mit 23 Millionen Silberrubeln war die Fertigstellung sechsmal teurer als die des Winterpalastes. 1931 wurde die Kirche von den Sowjets geschlossen und als Museum des Atheismus umgewandelt. 1978, so erinnere ich mich, faszinierte mich hier ein 93 Meter hohes Foucaultsches Pendel, das die Erddrehung demonstrierte. Vor einigen Jahren beschloss der Gouverneur, das Gebäude der Russisch-Orthodoxen Kirche zurückzugeben, es wurde aber von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt und 2019 gab die Kirche bekannt, dass eine Übernahme derzeit nicht akut ist, man muss abwarten. An hohen Feiertagen werden Gottesdienste zelebriert. Von der 43 Meter hohen Kolonnade hat man einen herrlichen Ausblick auf den Winterpalast, die Admiralität und die Newa, ich habe die 262 Stufen nicht gescheut und den Aufstieg gewagt. Schade nur, dass es so bewölkt und diesig ist.

Anschließend wandere ich am Ehernen Reiter vorbei, der heute von einem Gerüst verhüllt ist, überquere gemütlich die Newa und sehe mir die Kunstkammer, wo deformierte menschliche und tierische Embryonen und ausgestopfte Fische ausgestellt sind, nur von außen an. Die Börse, von den Bolschewiken geschlossen, dann Sitz des Marinemuseums, heute Teil der Eremitage, liegt ebenfalls unter großen Planen, vermutlich wird sie renoviert. An der Strelka habe ich eine vorzügliche Sicht auf die Peter-Paul-Festung, wo viele Mitglieder der Familie Romanow beigesetzt wurden. Sie liegt auf der Haseninsel. Auch die beiden 30 Meter hohen und rost-braunen Rostrasäulen bieten ein gutes Fotomotiv. Es handelt sich um ehemalige Leuchttürme, die mit Schiffsschnäbeln der feindlichen Beuteschiffe geschmückt sind, auf den Sockeln erkennt man Fluss- und Meeresgötter.

Nachmittags treffe ich mich wieder mit Tatiana und gemeinsam besuchen wir die neuen Räume der Eremitage im Generalstabsgebäude. Zunächst geht es durch eine Glasausstellung, wo allerhand gläserne Objekte, wie Handyladekabel, eine Hängematte oder Tiere gezeigt werden, danach schlendern wir durch die Gemäldeausstellung, wo u. a. Werke französischer Meister ausgestellt werden. Viele Künstler sind mir allerdings auch nicht bekannt.

Mit der Metro fahre ich anderntags zum Grand-Maket „Rossija“, einer Modelldarstellung des Landes en miniature. Einmal muss ich umsteigen. Wieder faszinieren mich die langen, langen Rolltreppen, ich habe das Gefühl, länger als eine Minute hinauf bzw. hinab zu fahren. Etwa 2,8 Millionen Fahrgäste frequentieren die Metro täglich. Sie verfügt über ein Wegenetz von rund 125 Kilometern und gewährt an 72 Stationen Ein- und Ausstieg. Am Moskauer Tor vorbei mache ich mich dann auf den Weg zur Ausstellung. Zwar hatte mir Tatiana den Weg erklärt, trotzdem bin ich etwas unsicher, frage zwei Frauen, und was höre ich, sie haben dasselbe Ziel. Später erkenne ich auch zwei Hinweisschilder zur Ausstellung. Auf 800 Quadratmetern und in einem Maßstab 1:87 werden in diesem privaten Museum Miniaturen von Regionen der Russischen Föderation gezeigt. Es soll sich um das größte Modell-Layout von Russland und um das zweitgrößte der Welt handeln.

Zurück im Zentrum warte ich in einer Cafeteria auf Tatiana. Sie erklärt mir, dass wir nicht, wie vereinbart, ins Russische Museum gehen, sondern an einer geführten Kommunalkatour teilnehmen. Wir machen uns zu Fuß auf den Weg, gehen durch die Rubensteinstraße, wo in fast jedem Haus eine Bar existiert, und warten gespannt auf den Rundgang. Und der hat es in sich, wir sind knapp zehn Personen, sehen uns vier Häuser an und die Erklärung ist ausschließlich in russischer Sprache. Tatiana schreibt eifrig mit und später vor dem Abendessen im „Gastronomica“ diktiert sie mir in mein Notizheft:

„Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden in der Stadt zahlreiche Mietshäuser, vermögende Bürger erwarben ein Grundstück, um es zu bebauen. Dann wurden die Wohnungen vermietet, die schlechten, dunklen und kleineren Zimmer an arme, die besseren an reiche Mieter. Nach der Oktoberrevolution holte man Arbeiter mit Familien ins Zentrum. Viele reiche Bürger hatten die UdSSR verlassen und so konnten sich mehrere Familien eine Wohnung mit durchschnittlich fünf bis acht Zimmern teilen und nutzten gemeinsam Küche und WC. Vor der Perestroika wohnten 40 Prozent der Leningrader in einer solchen Kommunalka. Die großzügigen Räume mit Kamin oder Ofen und Hausmeister betrat man über eine Paradetreppe, teils mit Marmorstufen, die schwarze Treppe für das Dienstpersonal von der Seite des Innenhofes. Der Grundstückspreis war recht üppig und so wurde hoch hinaus gebaut und dadurch entstanden die hier so allgegenwärtigen Brunnenhöfe. Viele Wohnungen solcher Art weisen Spuren des reichen Lebens ihrer ehemaligen adligen bzw. bürgerlichen Besitzer auf: etwa drei Meter hohe Decken mit Stuckverzierungen oder alte Öfen. Vor der Kanalisation befanden sich hier Senkgruben. Auch Dostojewski beschreibt in „Schuld und Sühne“ eine solche Wohnanlage. Nach der Perestroika wurden die Kommunalkas privatisiert und preiswert verkauft, quasi ein letztes Geschenk der Sowjetunion an seine Bürger. Geschäftstüchtige erwarben ein Projekt im Zentrum, weniger Begüterte am Stadtrand. Viele Zimmer sind mit Zeitungspapieren tapeziert, im Flur teilt man sich gemeinsam ein Telefon.“

In der dritten Wohnung erzählt die Inhaberin 30 Minuten ohne Pause und erklärt, dass dieses Haus von Nikonov gebaut wurde, der auch im Klosterbau tätig war. Das Parkett wurde während der Belagerung als Heizmittel verbrannt. Zum Schluss besuchen wir die frühere Wohnung des bekannten Schriftstellers Sergej Dowlatow, der 1979 nach New York emigrierte. So sieht man hier alte Plattenspieler, ein Grammophon, Uhren und ein Telefon aus der guten alten Zeit. Während unseres Rundgangs können wir auch einen Blick auf die Wladimirkirche werfen.

Heute ist Sonntag und endlich erleben wir das Wetter, das uns bisher versagt blieb. Mit dem Taxi geht es nach Kronstadt, einer früheren Festung auf der Ostseeinsel Kotlin. Dabei fahren wir direkt am Lachta-Zentrum vorbei, dem mit 462 Metern höchsten Gebäude in Europa.
Aus der Ferne hatte ich es schon ein paar Male gesehen. Es ist noch unbewohnt, die Gazpromzentrale soll hier etabliert werden, außerdem Geschäfts- und Konferenzräume, aber auch u. a. Einrichtungen für Sport, Gesundheit, Bildung und Unterhaltung.

Durch den Petersburger Damm ist Kotlin mit der Stadt verbunden. Seit 1996 kann Kronstadt, 1703 als Marinestützpunkt an der Ostsee gegründet worden, von Touristen besucht werden. Bei einem Rundgang am Meer sehen wir mehrere Kriegsschiffe, das älteste Trockendock Russlands und dann natürlich die Sehenswürdigkeit der gut 43.000 Einwohner zählenden Stadt: die Nikolai Marinekathedrale. Sie ist dem Schutzheiligen der Seefahrer unterstellt, genießt seit 1913 den Status als Hauptkathedrale der Russischen Marine und wurde in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Der Außenanblick unter dem blauen Himmel ist einmalig, so stellt man sich Russland vor. Wir schauen uns die ewige Flamme an und gehen dann hinein. Etwa 6.000 Besucher finden hier Platz. Die Zentralkuppel, die einzelnen Altare und Portale, das Gesamtwerk ist eine Augenweide.

Nun heißt es leider wieder einmal Abschied nehmen, ein letztes gemeinsames Abendessen bei weihnachtlicher Musik im zentralen Restaurant „Moskwa“ und diese Reise nähert sich dem Ende. Morgen muss ich in aller Herrgottsfrühe zum Flughafen.

Reisebericht bewerten (bisher 0 Stimmen)