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Kulturpalast

Kulturpalast

Heiligkreuzkirche

Heiligkreuzkirche

Palais Radziwill

Palais Radziwill

Marktplatz in Warschau

Marktplatz in Warschau

Warschau - Krakau - Breslau

Durch Polen mit der Eisenbahn

Warschau

Die Geburtstagsfeier vom Vorabend in Neustadt steckt mir noch in den Knochen, als ich Anfang Oktober 1989 an einem Sonntagmorgen gegen ½ 11 Uhr in Hannover den Zug besteige. Nach vier Stunden kommen wir in Berlin Bahnhof Zoo an, viele Polen warten bereits am Bahnsteig, wuchten ihr umfangreiches Gepäck durch das schmale Abteilfenster und zwängen sich auf den Rest des Sitzes oder nehmen auf einem Koffer Platz.

Die Weiterfahrt durch Ostberlin stellt ein Erlebnis für mich dar, zwar war ich einige Male im Ostsektor der Stadt, aber es ist für mich immer wieder aufregend, den Alexanderplatz, den Fernsehturm und andere bekannte Wahrzeichen der Hauptstadt der DDR zu erblicken.

Gleich nach dem Verlassen von Berlin erfolgt die Abfertigung für Polen, denn wir befinden uns jetzt auf einer Transitstrecke. Aber auch die Vopos des Arbeiter- und Bauernstaates sind nicht untätig und in regelmäßigen Abständen erhält mein Reisepass einen weiteren Transitstempel.

Kurz vor 17.oo Uhr erreichen wir in Frankfurt/Oder die Grenze und dort kann ich meinen Zwangsumtausch-Bon im Wert von DM 180,- offiziell einwechseln, der Kurs beläuft sich hier auf 1: 928, später in Warschau tausche ich schwarz und erhalte für 1,- DM den Gegenwert von 3.000 Zloty. Der Erwerb des Gutscheins war nötig, um das Visum beantragen zu können, zu diesem Zweck kontaktierte ich Polorbis, das staatliche Reisebüro der Volksrepublik mit Büros in Köln und Hamburg.

Nach gut 13-stündiger Zugfahrt rollen wir kurz vor Mitternacht in den Zentralbahnhof der polnischen Hauptstadt ein. Mein Hotel, das "Hotel-Metropol-Polonia", liegt ganz in der Nähe.

Vor dem Einschlafen mache ich noch einen kleinen Spaziergang und lande im Kulturpalast in einer Bar, jetzt noch ein paar Flaschen Bier und ein scheuer Blick auf die aufregenden Frauen, und dann wird es auch schon Zeit fürs Bett.

Am nächsten Tag absolviere ich das allgemeine Pflichtprogramm. Viele touristisch interessante Stätten sind zu Fuß erreichbar. Das Wetter ist nicht besonders, aber es macht mir nichts aus, ich finde es herrlich, einfach so durch die Straßen einer Ostblockmetropole, quasi im Feindesland, zu schlendern und zu registrieren, dass die Menschen hier ganz friedlich ihrer Arbeit oder Beschäftigung nachgehen und ganz und gar nicht das Personenbild abgeben, das man uns bei der Bundeswehrgrundausbildung zu vermitteln versucht und aufoktroyiert hat.

Lange Schlangen warten vor den sparsam bestückten Läden, Wasserlachen auf dem Bürgersteig erschweren das Weitergehen, manchmal liegt ein Geruch von Öl in der Luft.
Jetzt bei Tage nehme ich erst die Ausmaße des 235 m hohen Kulturpalastes wahr, die Spitze des Bauwerks wird allerdings vom Nebel verhüllt und kann momentan mehr erahnt werden. Dieses wuchtige Gebäude ist unschwer als Geschenk der Sowjetunion zu erkennen.

Den nächsten Stopp lege ich bei der Heiligkreuzkirche, der Kósciól Sw. Krzyza, ein. Die Barockkirche mit den zwei Türmen wurde Ende des 17. Jahrhunderts erbaut und 1950 rekonstruiert, in einen Pfeiler im Innenraum das Herz von Frédéric Chopin eingemauert.

Ein kurzes Stück weiter erreiche ich das Palais Radziwill, heute Sitz des Ministerrats. Davor erhebt sich das Reiterstandbild von General Poniatowski. Und dann bin ich auch schon im Herzen der Stadt, nämlich am Plac Zamkowy, am Schlossplatz. In der Mitte befindet sich die Sigismundsäule, etwas weiter erkennt man gleich das einstige Königsschloss, 1944 gesprengt und nach alten Plänen wieder aufgebaut. Eine Besichtigung der Innenräume ist möglich und ich nehme diese Gelegenheit gerne wahr.

Den Rest des Tages verbringe ich in der Innenstadt, sehe mir den Palast unter dem Blechdach und die St.-Johannes-Kathedrale an. Beeindruckend ist der Marktplatz, der Rynek Starego Miasta. Die meisten Häuser wurden im Krieg zerstört und originalgetreu wiederhergestellt, es sieht sehr anmutig aus, einige Touristen halten sich hier auf und bewundern die schönen Giebel.

Kurz dahinter fließt die Weichsel, ich gehe ans Ufer und mache einen kleinen Spaziergang am Wasser entlang. Auf dem Weg zum Hotel zurück komme ich an weiteren Palästen und Kirchen vorbei, im "Metropol" ist bei meinem Eintreffen Stromausfall.

An den nächsten Tagen bin ich noch häufiger im Stadtzentrum mit seinen imposanten und eindrucksvollen Bauwerken, besuche das Nationalmuseum, verharre am Denkmal des Unbekannten Soldaten und reihe mich ans Ende einer Menschenschlange ein, um etwas Obst für die Weiterfahrt zu kaufen. Warschau hat etwa 1,6 Mio. Einwohner.

Ein Passant spricht mich unterwegs an und stellt mir in ganz passablem Deutsch viele Fragen nach meiner Heimat und nach meinem Leben. Von ihm erfahre ich, dass die Preise und Gebühren nach der Machtübernahme durch das Militär unter General Jaruzelski zum Teil gewaltig gestiegen sind, so musste man vorher 5 Zl. für ein Telefonat bezahlen und jetzt das Fünffache. Das Monatsgehalt eines Universitätsdozenten soll umgerechnet 60,- DM betragen.

Die Fahrt mit dem Expresszug von Warschau nach Krakau kostet 5.000 Zl. also 5,- DM oder 1,90 DM, je nachdem ob offiziell oder schwarz getauscht wurde.
Unangenehmer Rauch hängt im Bahnhof in der Luft, mit der Heizung muss etwas nicht in Ordnung sein.

Die Zugfahrt ist recht angenehm, wir werden während der ganzen Zeit mit Unterhaltungsmusik berieselt. Der Versuch, mit meiner hübschen Mitreisenden gegenüber ins Gespräch zu kommen, schlägt leider fehl, mehr als ein ja oder nein ist ihr nicht zu entlocken, schade. Nach drei Stunden sind wir am Ziel.

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